Wer macht mich zu dem, was ich bin?

Predigt zum 21. Sonntag im Jahreskreis, 23.08.2020

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Liebe Schwestern und Brüder!

Wer oder was macht mich zu dem, was ich bin? Dieses Thema beschäftigt uns bewusst oder unbewusst ein Leben lang. Wer bin ich? Was macht mich aus? Was bin ich wert? Es ist die Frage nach meiner persönlichen Identität. Wie sehe ich mich selbst und wie sehen mich die anderen? Das hängt eng zusammen.

Da gibt es verschiedene Arten damit umzugehen: Im letzten sind es zwei Extreme, zwei Pole zwischen denen sich das bewegen kann. Und je nach Typ, aber auch nach Erfahrungen und Entwicklungen im Leben kann das mehr in die eine oder mehr in die andere Richtung gehen.

Das eine Extrem geht in die Richtung: „Wer mich zu dem macht, was ich bin, das bestimme allein ich selbst! Ich bin da auf niemand angewiesen. Ich selbst lege das fest und die anderen um mich herum haben das auch so anzunehmen und zu bestätigen. Sie haben so mich zu bestätigen. Wer das nicht bestätigt, der fliegt eben raus.“ Im Extrem kommen dann so Typen wie Lukaschenko raus. Diktatoren, die einfach ihre Rolle festlegen und die anderen zwingen sich dem unterzuordnen. Die anderen als eigenständige Wesen, vielleicht sogar mit anderen Wahrnehmungen und Sichtweisen, die kommen darin nicht vor. Und vor allem lässt sich so jemand nichts von seiner Umgebung sagen, lässt sich da von nichts beeindrucken und lässt sich nicht verändern. Die Folge ist, dass es da weder echten Dialog, noch irgendeine Art von miteinander gibt. Am Ende steht der reine Kampf um die Macht und die Deutungshoheit, mit der Folge der eigenen Isolation.

Es gibt aber auch das andere Extrem: Da wird die Frage: Wer oder was macht mich zu dem, was ich bin? Scheinbar allein durch die anderen festgelegt. Da spielen immer die Fragen die größte Rolle: Was denken und sagen die anderen über mich? Wie sehen sie mich, wie bewerten sie mich? Oft spiele Vergleiche hinein: Ich bin nicht so groß oder so schön wie die anderen… Ich kann nicht so gut reden… Die anderen können alles besser, ich kann nichts… So wird der Menschen völlig durch die anderen bestimmt. Allein deren Wahrnehmungen, deren Vorgaben und Bewertungen bestimmen dann das „Ich“. Am Ende steht jemand, der völlig fremdbestimmt und eigentlich gar nicht er oder sie selbst ist.

Wer oder was macht mich zu dem, was ich bin? Zwischen diesen Extremen spielt sich diese Frage ab. Und es zeigt sich, dass weder nur die eine Seite, also: „ich selbst mache mich zu dem, was ich bin ohne die anderen“; noch nur die andere Seite: „die anderen machen mich zu dem, was ich bin, ich habe da keinen Einfluss“ wirklich Menschen, das sein lässt und sie zu dem macht, was wirklich positiv in ihnen steckt.

Es braucht immer beides: Auf mich selbst zu hören, das zu entdecken, was in mir steckt, was mich ausmacht, in mir selbst zu stehen. Aber das geht nicht ohne die andere Seite: Wer ich selbst bin, das erfahre ich nur im Austausch, im Dialog mit anderen. Die Selbst- und die Fremdwahrnehmung müssen irgendwie zusammenkommen. Noch tiefer sagt das der jüdische Philosoph Martin Buber: „Erst durch das Du wird das Ich zum Ich.“ Damit zeigt er, wie das zusammenhängt. Durch einen echten Dialog mit dem anderen, wird der Mensch er selber, wird zum wirklichen „Ich“. Abschottung vom anderen, scheinbar um das eigene „Ich“ zu sichern, führt nicht weiter, aber auch geht es beim Dialog nicht um das Aufgeben des eigenen Selbst. Denn erst durch echte Beziehung zum anderen entsteht das eigenständige Ich.

In den Geschichten der biblischen Texte dieses Sonntags, werden uns da verschiedene Modelle vor Augen geführt. Da ist auf der einen Seite ein gewisser Schebna. Er hat einen sehr hohen Posten. Er ist Palastvorsteher zur Zeit der davidischen Königsdynastie in Jerusalem. Ich lebt aus dem Bewusstsein: Diese Position habe ich mir geschaffen, ich brauche niemand anders zu fragen, auf niemand Rücksicht zu nehmen. Er trägt alle Insignien der Macht. Alle müssen zu ihm aufschauen, sich nach ihm richten. Schon zu seinen Lebzeiten lässt er sich oben auf dem Berg ein Grabmal errichten, was sonst nur den Königen selbst vorbehalten war und diese das in der politschen angespannten Zeit selber nicht getan haben. Auch wenn er tot ist, sollen die Leute noch zu ihm aufschauen müssen. Dieser Weg führt jedoch nicht weiter. Der Prophet Jesaja kündigt ihm im Namen Gottes sein Ende in dieser Position an. Ein anderer wird bald schon seine Position einnehmen, wird seinen Insignien der Macht bekommen und auch die Schlüsselgewalt über Palast und Reich.

Anders geht es im Evangelium zu: Interessant: Jesus fragt seine Jünger: "Für wen halten mich die Leute?" Das Evangelium lässt keinen Zweifel daran, Jesus weiß, wer er ist, woher er kommt, was seinen Aufgabe ist. Da bräuchte er eigentlich niemanden. Und doch stellt er diese Frage. Das ist nicht nur eine rhetorische Einleitung zu folgenden Frage, für wen ihn die Jünger halten. Jesus ist durchaus wichtig, was bei den Leuten ankommt, wie sie ihn sehen und verstehen. Denn er ist ja für sie da, für sie gekommen, da kann es ihm nicht egal sein, was die Leute über ihn denken. Die Antorten der Leute, die die Jünger wiedergeben, liegen auch nicht ganz daneben, sie treffen schon etwas, wenn sie sagen: „Er ist ein Prophet.“ Wenn sie ihn vergleichen mit den Propheten aus der Geschichte. Aber es triff es eben nicht ganz, weil Jesus mehr ist.

Auch in der Frage an die Jünger: „Für wen haltet ihr mich?“ Geht es nicht einfach um eine Examensfrage: Wer kann die richtige Antwort geben? Von der Antwort, die sie geben, hängt die Beziehung zwischen Jesus und den Jüngern ab und umgekehrt erst aus der Beziehung zu ihm können sie verstehen, wer er wirklich ist. In gewisser Weise braucht Jesus da seine Jünger, obwohl er doch ganz in sich selbst steht. Aber er „braucht“ ihre Antwort, sonst kommt er mit seinem Wesen, seiner Aufgabe nicht an. Petrus trifft es mit der Aussage: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ auf den Punkt, auch wenn offen bleibt, ob er bis in die Tiefe verstanden hat, was er da sagt.

Und nun geschieht es auch umgekehrt: Jesus sagt Petrus zu, was er ist:„Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben.“ Damit trifft Jesus auch den Punkt: Auch wenn die Geschichte zeigt, wie wankelmütig dieser Fels manchmal sein kann, so trifft er doch damit die wirkliche Identität, die persönliche Berufung des Petrus: Das steckt in Petrus, das ist seine Aufgabe, das ist er und niemand anders.

Es ist interessant, dass durch Jesus in diese Frage: Wer bin ich, wer macht mich zu dem, was ich bin? Noch eine wesentlicher anderer Aspekt hineinkommt: Es ist nicht einfach nur der Dialog, das Wechselspiel zwischen zwei Menschen, in dem sich das „Ich“ der Persönlichkeit herausstellt. Es ist – so möchte ich einmal sagen – die göttliche Komponente: Wir werden weder allein durch uns selbst zum Ich, noch allein durch die anderen, und auch nicht durch den reinen Dialog dazischen. Da ist Gott, der in jeden Menschen etwas hineingelegt hat, seine persönliche Identität, die sich in seinen Gaben, in seinen Erfahrungen zeigt. In den Menschen Jesus von Nazareth hat Gott sich selbst, sein ganzes Wesen hineingegeben. Er ist der Sohn Gottes vom Vater im Himmel her. Und Petrus ist der Fels, weil auch Gott, diese Gaben, diese Erfahrungen in ihn und sein Leben gelegt hat. Das ist er und niemand anders.

Diese Geschichte lädt mich ein, immer wieder in diesen Dialog mit Jesus zu treten: ihm zu sagen: „Du bist für mich…“ Dann darf ich sicher sein, er wird auch mir sagen: „Das bist du – und nur du: Geh deinen Weg und werde immer mehr, was ich in dich gelegt habe.“

Amen.