Überblick gewinnen

Predigt zum 24. Sonntag im Jahreskreis, 13.09.2020

Foto: B. Schmid

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn man sich auf einen Berg begibt, dann hat man auf einmal eine ganz neue Perspektive. Mit einmal hat man den Überblick über die ganze Umgebung. Ich selber liebe es, wenn ich spazieren gehe, irgendwo oben auf einem Berg zu sein oder auf einer Anhöhe. Schön, dass wir auch hier in der Umgebung die Berge und den Albtrauf haben, von deren Höhen man viele wunderbare Aussichten hat. Dieser Ausblick von einem Berg gibt mir nicht nur das Gefühl Abstand zu haben vom alltäglichen Kleinkram, der manchmal so groß erscheint, sondern er gibt mir das Gefühl des Überblicks und auch die Möglichkeit, die Dinge mit etwas Abstand wieder im richtigen Größenverhältnis zu sehen.

Das Evangelium des heutigen Sonntags, lädt uns ein Ähnliches zu tun: Nämlich aus unseren kleinen Welt aufzuschauen und auf das Ganze zu sehen. Das Gleichnis spricht für sich selbst: Da ist ein Diener, der bei seinem König in großer Schuld steht. 10 000 Talente schuldet er ihm, dh. größte damilige Geldeinheit und größte Zahl mit der gerechet. 10 000 Talente, das ist in heutigen Verhältnissen ein unvorstellbar hoher Betrag: das sind Millarden, Billiarden, ein märchenhafte Summe. Dieser Diener versucht Zeit zu gewinnnen, aber es ist fast aussichtslos, er müßte sein ganzes Leben dafür arbeiten, um das abzubezahlen. Aber der König erlässt ihm die Schulden, in dieser unvorstellbaren Höhe. Dieser Diener stößt auf anderen Diener, der hundert Denare Schulden bei ihm hat. Diesen Betrag könnte auch ein armer Bauer im Laufe eines Jahres zusammenkratzen, das ist durchaus eine realistische Summe. Dieser bittet wie der erste um einen Zeitaufschub. Aber: Die Reaktion ganz anders: packt ihn, würgt ihn, wirft ihn ins Gefängnis. Das ist zwar brutal, aber durchaus üblich, - das scheinbar das "Normale". Es wird aber erst so recht unmenschlich durch Vergleich mit Verhalten des Königs: Es ist nur 600 000. Teil dessen, was ihm erlassen wurde. Wenn man auf das Ganze schaut, merkt man die ungeheure Unverhältnismäßigkeit.

Die Übertragung ergibt sich aus dem Gleichnis selber: Der König ist Gott, in dessen Schuld der Mensch steht. Gott lässt ihm diese Schuld nach, schenkt sie ihm einfach! Und genau dieser Mensch fordert von seinem Mitmenschen alles unbarmherzig zurück, obwohl das im Vergleich zu dem, was ihm erlassen und geschenkt, nur ein Bruchteil ist. Das wird aber erst so recht deutlich, wenn man auf das ganze schaut, d.h. wenn man auch das einbezieht, was Gott getan hat oder tut.

Einladung des Evangeliums ist: Immer mal wieder auf das Ganze zu schauen, d.h. das in den Blick nehmen, was uns geschenkt worden ist. Das ist ungeheurer viel!! Das allermeiste unseres Lebens ist uns geschenkt, auch ich oft den Eindruck habe: "Mir wurde auch nichts geschenkt!" Das stimmt so nicht.

Dazu ist es nötig, auf die Höhe zu gehen, Überblick zu gewinnen: Wir erleben in der großartigen Natur, sie ist uns geschenkt ist: Wer von uns hat auch nur ein Steinchen davon gemacht? Wer von uns hat die Felder, Wiesen und Wälder gemacht, von denen wir leben? Auch wenn wir auf die Fabriken und Betriebe schauen, könnte zunächst der Eindruck entstehen, was da entsteht, das haben wir gemacht. Das stimmt so aber auch nicht, wer von uns hätte die ganzen Rohstoffe gemacht, von denen wir leben? Das Holz, die Steine, die Kohle, das Erdöl, das Erdgas…

Vielleicht haben das einige im Urlaubhaben wieder neu erlebt: Die Berge - freuen uns daran, bezwingen sie - aber sie wurden uns geschenkt. Das Meer, die Seen, die Sonne - wir baden uns darin, lassen sie auf der Haut brennen - aber die Weite des Meeres und die Kraft der Sonne - geschenkt, einfach so, gratis! Die Blume auf dem Feld, im Garten, vielleicht gepflanzt, aber wachsen hat sie keiner von uns lassen. Schließlich das Lebenselbst: keiner von uns hat es sich gegeben, wir haben es ohne unser Zutun bekommen, geschenkt - jeder Tag neu!

So stehen wir vom ersten Tag unseres Lebens in Gottes Schuld, die uns aber sogleich erlassen ist. Und auch da, wo wir versagen und schuldig werden, ist das Erbarmen Gottes doch immer größer. Wie überreich wir beschenkt wurden, da ist uns meistens nicht so recht bewusst, da sind wir oft zu stark in unserer kleinen alltäglichen Welt gefangen mit ihren Auseinandersetzungen, mit Verletzungen, die uns andere zugefügt haben, mit dem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein… All das scheint das Normale zu sein.

Aber: es ist eben nicht das Ganze. Erst im Blick auf das Ganze wird deutlich, dass das im Vergleich zu dem, was uns von vornherein geschenkt, minimal ist. Um Blick auf das Ganze zu bekommen, ist es nötig, von Zeit zu Zeit aus dem Alltäglichen "nach oben" zu gehen, sich nach oben hin auszurichten, sich neu den Überblick zu verschaffen.

Wie kann das aussehen? Das ist möglich im Urlaub, im Gebet, im Gottesdienst, der ja als Eucharistie Danksagung ist für das Geschenk des Lebens. Wer das tut und sich immer wieder bewusst macht, was ihm geschenkt ist, wer solche Weite und Größe erlebt und sich bewusst gemacht hat, kann, auch wenn er in seine alltägliche kleine Welt zurückkehrt, nicht mehr kleinlich und kleinkariert handeln. Der kann auch vergeben, wo er vielleicht selbst verletzt oder geschädigt wurde.

Das zeigt: Verhältnis zu Gott und zu dem Mitmenschen hängt zusammen: Wer Gott als großzügig erlebt, kann nicht mehr kleinlich sein. Wer kleinlich ist, stört damit auch das Verhältnis zu Gott (s. Ende des Gleichnisses).

So lädt uns dieses Evanglium am Ende der Urlaubs- und Ferienzeit ein, die Weite des Herzens und den Blick über die eigene kleine Welt hinaus mitzunehmen wieder in unser Alltag hinein. Und wenn dann die kleinen Kämpfe und Auseinandersetzungen des Alltags übergroß werden wollen, dann stehen die Berge in unser Umgebung vor unseren Augen, die uns zeigen und sprüen lassen, dass das eben nicht alles ist, dass es von ihnen aus eine weitere Perspektive auf das Ganze gibt, die Perspektive Gottes, die allem wieder den richtigen Platz und die richtige Größenordnung zuweist.

Amen.

Pfarrer Bernhard J. Schmid