Superspreader Pfingsten

Predigtvideo und Gemeindebrief zu Pfingsten - 31.05.2020

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Superspreader Pfingsten

Liebe Schwestern und Brüder!

Gestern ging die Nachricht durch die Medien, dass 48 Prozent der Corona-Infektionen in Deutschland auf einen einzigen Ort, nämlich Ischgl in Österreich zurückführen lassen. Und auch in Dänemark lassen sich ein Drittel aller Infektionen dort auf den Ausgangspunkt in Ischgl zurückführen. Die Wissenschaft hat seit diesen Erkenntnissen inzwischen besonders die „Superspread“-Ereignisse im Blick: Das heißt es gibt einzelne Orte und einzelne Personen, von denen unzählige Infektionen ausgehen. Frei übersetzt sind das „Superverteilungsereignisse“: Nur ein Ort, nur eine kurze Zeit, nur relativ wenige Personen, die eine unglaubliche Wirkung haben. Unter Umständen genügt schon eine einzige Person, die zum „Superspreader“ werden kann.

Ein echtes „Superspread Event“ – ein „Superverteilungsereignis“ feiern wir heute an Pfingsten. Eigentlich unglaublich: Ein verschwindend kleines Grüppchen von Leuten am Rande der damaligen Welt und Weltgeschichte wird Ausgangspunkt einer durch und durch ansteckenden Botschaft: Sie berufen sich auf einen einzigen Menschen: einen jüdischen Wanderprediger aus der galliläischen Provinz: Jesus von Nazaret. Zunächst würde man sagen, dass ist selbst im vergleichsweise kleinen Volk Israel nur eine winzig kleine Splittergruppe. Aber innerhalb weniger Jahre hat ihre Botschaft bereits die Grenzen der damaligen Welt erreicht: Da gibt es „Jesus-Infizierte“ bereits in allen großen Metropolen der damaligen Welt: in Antiochien in Syrien, der zweitgrößten Stadt im römischen Weltreich, in Kleinasien, in Griechenland, und kurz darauf auch in der Welthauptstadt Rom; ebenso in vielen Provinzstädten im römischen Reich und darüber hinaus. Und tatsächlich kann man all diese Menschen, die sich dieser neuen Bewegung anschließen, im letzten zurückführen auf einen einzigen Ort, einen einzigen Tag, ein einziges Ereignis: Pfingsten – also beim jüdische „Wochenfest“, 50 Tage nach Pessach in Jerusalem, von da ging alles aus. Und die Tradition lokalisiert den Ort noch genauer: Auf dem sogenannten „christlichen Zion“, wo der Abendmahlsaal ist. Etwas flapsig gesagt, ist das das „Ischgl“, oder noch drastischer, das „Wuhan“ der Jesus-Bewegung.

Dabei sah es zunächst ganz anders aus: Da war nämlich der Lockdown voraus: Diese kleine Gruppe der Jünger zusammen mit Maria und den Frauen, die Jesus gefolgt waren, waren völlig eingeschlossen. Das Johannesevangelium spricht da schon am Ostertag: Sie hatten aus Furcht die Türen verschlossen. Für den Evangelisten Johannes fällt da Ostern und Pfingsten schon zusammen: Der Auferstandene tritt durch verschlossene Türen ein. Er haucht sie an und spricht: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Was Aerosole aus dem Ausatmen bewirken können, das wissen wir seit Corona auch. Diese unsichtbaren winzigen Schwebeteilchen verteilen sich und haben heftige Wirkung. Wenn das schon bei einem Virus so geht, wie erst beim Geist Gottes!

Da ist es jedoch keine zerstörerische Kraft, sondern im Gegenteil, die Lebenskraft, die schon am Anfang alles in Leben gerufen hat. Am Pfingsttag, wie in Lukas in der Apostelgeschichte beschreibt, sind es die gleichen Bilder: Das verschlossene Haus, der Lebensatem, der hier in Form eines großen Sturmes eindringt und eine Lebensbewegung in Gang setzt, die bis heute anhält.

Dabei geht es nicht in erster Linie um eine Wissensvermittlung, sondern es geht um eine Lebensübertragung. Das ist wichtig festzuhalten, wenn es um die Frage geht, wie heute in unserer Zeit der Glaube weitergegeben werden kann. Manche meinen nach wie vor: Das muss man halt gut erklären, da muss man besseres Wissen vermitteln. Aber da reicht kein gut gemachter Katechismus und auch kein peppiges Video auf Youtube – das können allenfalls Hilfsmittel sein. Das Entscheidende ist immer, dass da ein lebendiger Mensch dahinter steht, von dem Leben ausgeht. Wenn Sie sich selber fragen, warum Sie glauben, warum Sie jetzt hier sind, dann ist das sicher in den seltensten Fällen so, dass jemand sagt, „das ist mir gut erklärt worden“. Sondern der tiefere Grund ist immer: Dieser Mensch, diese Menschen, was von deren Leben ausging, das hat mich angesteckt. Die Erklärung war dann vielleicht noch zusätzlich hilfreiches Mittel.

Oft sind es auch gar nicht die großen Dinge, sondern im letzten viele kleine. Der Heilige Geist ist da wie ein feines, unsichtbares „Aerosol“, das in kleinsten Mengen hochwirksam sein kann. Und diese Wirkung breitet sich aus. Wir können den Geist Gottes immer nur an seinen Wirkungen erkennen. Die sind vielfältig und vielschichtig.

Man muss jedoch wachsam hinschauen und hinhören, dann ist auch heute sein Hauch zu spüren. Ich glaube der Geist ist es, der uns an Ostern – aus der Not geboren, weil keine großen Gottesdienste möglich waren – aus unseren Kirchen hinausgetrieben hat, damit wir auf den Trichter kommen, dass die österliche Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod hinaus in unsere Stadt kommt. Auch wenn es „nur“ mit Kreide auf viele Straßen geschrieben ist. Mich erstaunt bis heute, wie auf einmal – ohne dass wir das bedacht hatten - plötzlich in vielen Sprachen „Christus ist erstanden“ auf den Straßen und Plätzen stand. Ich bin bewegt, wie Menschen für ihre Nachbarn einkaufen und mitsorgen, oder einfach mal anrufen oder eine Karte schreiben. Mich hat erstaunt, wie es in manchen Video-Konferenzen gelungen ist, trotz dieses scheinbar so distanzierten Mediums in einen tiefen, berührenden Austausch zu kommen.  Mich hat überrascht, wie viele Familien sich an Ostern@home beteiligt haben und auf einmal in ihren Familien ganz kreativ ihren Glauben leben. Mich berührt die entstandene Kreativität, wie sich sich z.B. auch hier in unseren Kirchen zeigt (Kunstinstallationen). Vieles hat der Geist Gottes in den letzten Wochen aber auch umgeschmissen und in Frage gestellt. Erstaunlich, was man auf einmal alles absagen kann, was sonst undenkbar wäre! Welche Gewissheiten „Genau so muss es sein, nur so funktioniert es“ durcheinandergewirbelt wurden. Da hat dieses unsichbare Aerosol eben auch Sturmeskräfte.

An Pfingsten schmeißt der Geist Gottes die Jüngerinnen und Jünger Jesu aus dem Haus hinaus. Er setzt sie vor die Tür, um ihnen zu sagen: „Dort ist euer Platz in der Welt!“ „Habt keine Angst, ich öffne euch Türen, wo ihr denkt, dass keine sind.“ „Vertraut darauf, dass ihr neue Sprachen finden werdet, für das, was euch zu sagen schwerfällt.“

Darum freue ich mich heute Abend um 19:30 Uhr, wenn die Glocken ausgeläutet haben auf unseren Pfingst-Flashmob. Das, was an Ostern noch leise mit Kreide geschehen ist, das dürfen wir jetzt draußen und laut tun. Aus frohem Herzen dürfen wir auf den Plätzen und Straßen singen: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist.“ Vertrauen wir darauf, dass der Geist dieses „Aerosol“ in alle Welt trägt. Amen.   

Pfarrer Bernhard Schmid

Gemeindebrief 11 zu Pfingsten, 31.05.2020

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