Stern der Hoffnung in dunkler Zeit

Predigt zum Patronzinium Liebfrauen (8. Dezember, Mariä Erwählung)

Liebe Schwestern und Brüder!

Wohl selten war die Sehnsucht nach Heilung und heil sein weltweit größer als jetzt. Die weltweite Erfahrung der Corona-Pandemie ist für uns alle eine Grenzerfahrung. Durch die rasante Entwicklung der Wissenschaft und Technik in den vergangenen Jahrzehnten hat sich in uns das Grundgefühl verstärkt: Alles ist machbar, wenn man nur genug forscht und die entsprechenden Mittel hat. Nun erleben wir eine ganz gegenläufige Erfahrung: Wir sind auf einmal alle so verletzlich, verletzbar geworden. Beim näheren Hinsehen wird dann deutlich, dass es diese Verletzlichkeit immer gab, aber jetzt wird sie uns in der ganzen Breite bewusst. Ein kleines Virus schafft es uns, diese hochentwickelten intelligenten Wesen anzugreifen. Und niemand ist davon ausgenommen. Auch Geld, Macht und Wissen sind kein Schutz, es kann jeden treffen.

Und dazu trifft es uns Menschen noch einer sehr empfindlichen Stelle. Wir alle brauchen die sozialen Kontakte, Nähe, Austausch, Beziehungen… zum Leben. Und ausgerechnet da werden wir Menschen nun einander gegenseitig am gefährlichsten. So betrachtet ist diese Pandemie nicht nur eine Gefahr für Leib und Leben, sondern zugleich auch eine Beleidigung für uns Menschen: „Krone der Schöpfung“, das Wesen, das alles kann, steht auf einmal recht hilflos da…

Und dazu kommt, dass diese Pandemie und ihre Folgen vieles zum Vorschein bringen, was in uns als Menschen ist: Es holt das Beste aus uns hervor: Sorge füreinander, selbstlosen Einsatz, Solidarität. Aber zugleich fördert es auch das Schlechteste zutage: den Kampf nur für sich, die Ignoranz… Durch all das wir auf einmal die ganze Brüchigkeit unseres Menschseins sichtbar. Wir spüren mit aller Deutlichkeit, dass wir eben nicht alles in der Hand haben, dass Menschsein eben auch immer gefährdet sein bedeutet.

Und genau dahin wird das Fest des heutigen Tages, das Patrozinium unserer Liebfrauenkirche gefeiert: Das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter Maria“. Es ist bemerkenswert, dass Menschen zu allen Zeiten, besonders aber in Notzeiten besonders auf Maria geschaut haben. Sie haben in ihr immer einen Not- und Hoffnungsanker gefunden. Und ich meine auch das heutige Fest kann so ein Anker sein.

Wenn alles brüchig und unsicher erscheint, wenn die eigenen Kräfte und Möglichkeiten an Grenzen kommen, dann bewirkt das Verunsicherung. Selten war die Sehnsucht nach Erlösung so groß, eine Erlösung aus dieser Situation und sei es „nur“ durch einen Impfstoff… Dahinter steckt auch eine adventliche Sehnsucht, eben nach einem „Retter“, nach Heil und Heilung.

Wenn alles unsicher geworden ist, wenn alles im nächsten Moment schon wieder anders sein kann, dann ist die Sehnsucht nach einem sicheren Ausblick groß. Eine Art „Fixstern“, an dem man sich in der Dunkelheit orientieren und ausrichten kann; der die Richtung vorgibt: Da geht es hin!

Ganz selbstverständlich sprechen wir im Glauben von Erlösung, Jesus ist der Erlöser, der Retter, der alle heil macht. Doch fällt das nicht auseinander mit unserer Erfahrung? Da gibt es doch keinen Punkt in der Welt, der ganz heil ist. Selbst die „Normalität“, die viele in diesen Wochen erhoffen und anstreben – „es soll wieder normal werden“ –, auch diese Normalität ist bei genauem Hinsehen alles andere als heil und vollkommen. Auch in „normalen“ Zeiten vor Corona gab es doch gewaltige Spannungen von arm und reich. Auch da hatte die Welt schon „Fieber“ durch den gewaltigen Klimawandeln, dessen Folgen nach und nach sichtbar werden. Und vieles könnte man an Unheilem anfügen…

Alle diese Erfahrungen „nichts ist heil“ sie müssten eigentlich zum Schluss führen: Dann gibt es auch keine Hoffnung auf Erlösung und Heilung. Das müsste doch wenigstens an einer Stelle ganz und gar und ohne Abstriche sichtbar sein.

Genau hier setzt das Festgeheimnis von „Mariä Erwählung“ ein: Es gibt ihn eben doch, diesen einen Punkt, an dem die Erlösung der Welt durch Jesus Christus schon voll und ganz zum Durchbruch gekommen ist: Das ist Maria. Da hat Gott einen neuen Anfang gemacht. Da hat er an einem Punkt seiner Schöpfung gezeigt, dass Erlösung möglich ist – ohne Abstriche. Das ist kein Verdienst und keine besondere Leistung Marias selber, nein ist ganz und gar Geschenk Gottes, wir sagen dazu „Gnade“. So wird deutlich, dass Erlösung eben ganz von Gott kommt, und nicht dem Machen des Menschen entspringt.

Das ist auch der Grund, warum heute dieses Evangelium gelesen wird. Nicht, weil es um die Empfängnis Jesu geht, (das ist ja die Verwechslungsgefahr), es geht beim heutigen Fest um die Empfängnis Marias, den Beginn ihres Lebens. Aber die Worte des Engels an Maria sind Ausgangspunkt für das, was wir heute feiern: „Du Begnadete“ – „voll der Gnade“ sagen wir im Ave Maria. Ja, Maria steht vom Beginn ihres Lebens an voll und ganz in der Gnade – ihr ganzes Leben ist von der Gnade Gottes umfangen und getragen. Und das vom ersten Anfang bis zum letzten Ende.

So gehören ihre Empfängnis außerhalb des menschlichen „Unheilszusammenhangs“ und ihre Aufnahme in den Himmel zusammen. Beides macht deutlich: Marias Leben ist umfassend von Gott getragen, sie ist die, an der voll und ganz sichtbar wird, was Gott mit uns allen vorhat: Erlösung im umfassenden Sinn. Wenn es jetzt bereits schon einen Punkt, einen konkreten Menschen gibt, an dem diese Erlösung voll zum Durchbruch gekommen ist, dann ist das dieser „Stern der Hoffnung“ für uns alle. In dem Menschen, dem Jesus am nächsten war, nämlich Maria, sollte seine Erlösung bereits jetzt vollkommen sein.

Das hat jedoch auch Maria nicht vor Schmerz und Leid bewahrt. Die Evangelien sind voll von solchen Erfahrungen, die sie durchmachen musste, so dass die Tradition von Sieben Schmerzen spricht. Die beginnen bereits in der Weihnachtsgeschichte: Das unverstanden sein, heimatlos sein, verfolgt sein, das muss bereits die junge Maria mit dem Kind durchmachen…

Und doch ist sie aufgrund der Gnade, des Getragen-seins von Gott, die die auch in Dunkelheit und Unsicherheit glaubt und hofft. Sie lässt sich ganz auf Gott ein und zugleich ganz auf die Menschen. Sie gibt ihr Ja, voll und ganz, weil da nichts in ihr ist, was sie von Gott und den anderen Menschen trennt. Und so wird sie zum Hoffnungszeichen, zum Stern der Hoffnung für alle Generationen, für alle Zeiten, und gerade auch in den schwierigen Erfahrungen.

So wie es im Lied heißt:

„Gruß dir, Mutter, in Gottes Herrlichkeit,

Mutter Gottes, Mutter der Christenheit,

Stern der Hoffnung und Quell der Seligkeit…“

„Hilf, o Mutter, Zuflucht in allem Leid,

sei unser Trost und Quell der Fröhlichkeit.

Auf Gottes Wort lass gläubig uns vertraun,

bis wir mit dir den Herrn im Lichte schaun.“

Amen.

 

Pfr. Bernhard J. Schmid