Nochmal neu umkehren

Predigt zum 22. Sonntag im Jahreskreis 2020, 30.08.2020

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Liebe Schwestern und Brüder!

In diesen Wochen dürfen wir den Weg Jesus besonders aus der Perspektive des Petrus mitverfolgen. Das Matthäusevangelium stellt ihn markant an die Seite Jesu. Da war es Petrus, der im Sturm aus dem Boot ausstieg, um Jesus übers Wasser entgegenzugehen. Doch kaum draußen versinkt er auch schon, Jesus zieht ihn heraus und rettet ihn. Letzte Woche hören wir wie Petrus ausspricht, wer Jesus wirklich ist: „Der Christus, der Sohn Gottes.“ Und Jesus sagt ihm zu: „Du bist Petrus, der Fels auf den ich meine Kirche baue.“

Heute im Evangelium ist es wieder Petrus, der in engen Austausch mit Jesus ist. Eben war doch noch alles klar, Jesus und Petrus haben sich verständigt, einander zugesagt: Jesus ist der Gesalbte, der Sohn Gottes. Und Petrus ist der Fels, auf den Jesus baut. Und schon kommt scheinbar alles wieder durcheinander: Der Gesalbte, der Messias, der Christus – das ist doch der von Gott gesandte, der in die Fußstapfen des großen Königs Davids treten wird. Er wird Israel befreien, zusammenführen und wieder groß machen. „Let’s make Israel great again.“ So könnte man die Vorstellung mit modernen Worten beschreiben, die ganz viele dort mit dem Messias verbunden haben.

Aber genau, nachdem klargestellt ist, dass Jesus wirklich der Messias, der Christus, der Gesandte Gottes ist, bringt alle Vorstellungen davon durcheinander: Der Messias Jesus geht zwar nach Jerusalem wie vorgesehen, aber er wird dort nicht siegreich einziehen, er wird dort nicht als König von Israel inthronisiert, sondern er wird leiden und getötet werden… Das geht jetzt gar nicht mit den Vorstellung zum Messias zusammen. Und Petrus wirft das sofort ein: „Das geht gar nicht!“ Es ist nicht nur die Sorge um das Messiasbild, sondern auch die Sorge um Jesus selbst: „Das darf nicht mit dir geschehen!“

Und umgekehrt: Petrus, den Jesus eben noch als Fels für seine Kirche bezeichnet hat, der bekommt jetzt eine gewaltige Abfuhr: „Satan!“ sagt Jesus zu ihm, er weist ihn barsch ab, wie damals den Versucher in der Wüste. Da hat sich scheinbar in Sekunden die Stimmung der beiden miteinander völlig verändert. Eben noch waren sie sich so einig, in ihren Wahrnehmungen und Zuschreibungen, jetzt ist alles wieder durcheinander.

Interessant ist der Ort an dem sich das alles abspielt: Das Evangelium sagt, sowohl das Messiasbekenntnis des Petrus, wie auch die jetzt folgende Abfuhr für ihn, spielt im Gebiet von Caesarea Philippi. Caesarea Philippi liegt im Norden Israels. Ein Grenzgebiet, eher eine heidnisch geprägte Stadt auch Banjas genannt, es liegt am Fuße des Hermongebirges. Eine der Jordanquellen entspringt dort. Einer der Söhne von Herodes hat sie zu Ehren des römischen Kaisers Caesarea genannt, zur Unterscheidung von Caesarea Maritima, das am Mittelmeer liegt, hat er seinen Namen Philippus hinzugefügt.

Vor gut einem Jahr bei unserer Fahrt ins Heilige Land konnten wir auch dort sein. Wer dort hinkommt, der spürt die schon von der Landschaft her, die Grenzsituation aus dem hügeligen Land steht man nun vor dem Hermongebirge. Hier muss man sich entscheiden: Weiter hinauf in die hohen Berge oder umkehren und zurück.

Für Jesus selbst ist das der nördlichste Punkt seiner vielen Wege. Nachdem er mit seinen Jünger diesen Grenzpunkt erreicht hat, kehrt er um und geht wieder die andere Richtung, nämlich nun nach Süden. Von diesem nördlichsten Punkt geht sein Weg nun nach Jerusalem. So wird Caesarea Philippi zu einem Wendepunkt – nicht nur des Weges, sondern auch der Geschichte Jesu und seiner Jünger.

Petrus hat hier ausgesprochen wer Jesus ist – der Messias, der Christus. Aber zugleich wird deutlich, dass die Vorstellung der Jünger, wie sie in ihren Köpfen ist, keine lineare Fortsetzung haben wird: Die Messiasgeschichte Jesu ist keine Erfolgs- und Machtaufstiegsgeschichte im üblichen Sinn. Indem Jesus hier an der Grenze vor der Wand des Hermon sozusagen auf dem Absatz kehrt macht, fordert er seine Jünger heraus, diese Wendung mitzumachen. Es ist nicht nur die Wendung des Weges, es ist eine Wendung, die in ihren Köpfen und Herzen passieren muss.

Interessant ist das Wort, das Jesus Petrus zuruft: In der alten Einheitsübersetzung wurde das mit: „Geh mir aus den Augen!“ übersetzt. In der neuen nun, wird das mit den Worten wiedergegeben, die viel näher an der ursprünglich Bedeutung sind: „Hinter mich!“

Jesus hat sich bereits umgewandt, zunächst hat er sich damit dem Petrus und den Jüngern zugewandt im Dialog. Jetzt aber ist die Frage: Wenn Jesus sich umgewandt hat, und ihm Petrus gegenübersteht, was wird geschehen, wenn Jesus weitergeht: Steht ihm dann Petrus im Weg oder wird Petrus wieder hinter Jesus treten und ihm dann von neuem folgen?

Jesus stellt Petrus vor eine neue Entscheidung: Gehst du mit? Folgst du mir? Oder kehrst du nicht um, und wirst mir damit im Weg stehen? Petrus hat schon einmal eine Entscheidung getroffen: Am See Genesaret als Jesus plötzlich dastand und zu ihm sagte: „Folge mir nach!“ Da hat er schon einmal eine Wendung in seinem Leben vollzogen, seine Fischernetze zurückgelassen und ist Jesus gefolgt. Wird er jetzt neu diese Wendung mit Jesus vollziehen und Jesus auch nachfolgen, auch wenn er diesen Weg, den Jesus geht noch nicht versteht?

Diese Situation steht für manche Situationen im Leben, wo es anders kommt, als ich mir gedacht habe. Da habe ich mir so schöne Pläne gemacht, gedacht, es müsste gradlinig immer so weitergehen und plötzlich kommt es ganz anders, geht der Weg ganz anders weiter. Dann braucht es ein Umkehren, ein inneres Umdenken, das nicht immer leicht ist, weil ich dann meine Vorstellungen und Pläne zurücklassen muss. Was ist, wenn Krankheit eine Strich durch die Rechnungen macht? Was ist, wenn die erhofften Erfolge sich nicht einstellen? In den letzten Wochen haben wir auch durch Corona gelernt, dann manche Dinge, die so festgefügt schienen, auf einmal ganz anders gehen müssen...

Dann geht die Wendung, die Umkehr nur so wie bei Petrus: Er sieht zwar den Weg nicht, er versteht zwar die Zusammenhänge noch nicht, aber er weiß, er geht nicht allein, und vor allem: Er muss auch gar nicht vorangehen. Es reicht dem zu folgen, der voran geht: Jesus. „Hinter mich!“ – das ist keine Abweisung, im Gegenteil. Das verweist mich auf den richten Platz: Hinter Jesus, in seiner Spur – ihm nachzugehen.

Amen.

 

Pfarrer Bernhard J. Schmid