Nach wem halte ich Ausschau?

Predigt zum 1. Adventssonntag 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

„Dem Türhüter befahl er wachsam zu sein.“ So macht es der Hausherr im Evangelium, der auf Reisen geht. Jeder Diener bekommt seinen Auftrag für diese Zeit. Besonders hervorgehoben wird jedoch der Türhüter. Er hat seinen Platz an der Tür, da wo es rein und raus geht. Das ist der Übergang von drinnen und draußen. Er soll wachsam sein.

Wachsam sein in der Aufgabe des Türhüters, das bedeutet nicht einfach nur irgendwie wach zu sein,  nicht irgendwie nur beschäftigt zu sein. Aufgabe des Türhüters ist den Blick nach draußen zu halten, auszuschauen auf das und auf den, der da kommt.

Wenn der Herr unterwegs ist, dann kann alles Mögliche passieren: Dann können alle möglichen und unmöglichen Besucher zum Haus kommen. Menschen mit guten Absichten, aber auch solche, die Gunst der Stunde nutzen wollen und sich Zugang zum Haus verschaffen, um zu rauben und um zu zerstören. Dann aber ist es vor allem die Aufgabe des Türhüters wachsam zu sein, wenn der Herr selber kommt. Denn das wäre die größte Peinlichkeit, wenn der Hausherr kommt, und er würde vor verschlossener Tür warten, weil keiner da ist, der ihm aufmacht.

Mit diesem Bild des Türhüters wird dieses Jahr der Advent eröffnet. Mit dem Bild des wachsam seins und mit dem, der ausschaut. Nach was schauen Sie in diesen Tagen und Wochen aus? Nach was schaut die Welt aus? Nach was schaue ich aus?

Mit seltenem Gleichklang scheint die ganze Welt in diesen Wochen nach dem Ende der Pandemie Ausschau zu halten: Wie lange noch? Wann ist das zuende? Wir spüren alle, wie diese Zeit an unseren Kräften und unserer Geduld zehrt. Immer wieder wurden die Hoffnungen und Erwartungen enttäuscht: Mit dem Sommer ist des dann geschafft… Bis Weihnachten müssen wir noch durchhalten, aber dann…

Und selten war die gemeinsame Sehnsucht nach „Erlösung“ so groß wie jetzt: Dass der Erlöser kommt und sei es in Form eines Impfstoffs. Doch wer wirklich wachsam ist, der wird realistisch bleiben. Das wird dauern, und auch der Impfstoff wird nicht alle Probleme lösen. Vieles was in den vergangenen Monaten offenbar geworden ist, das war auch schon vorher da. Es wurde durch die Pandemie nur deutlicher und wie in einem Brennglas hervorgehoben:

Sei es die Ungerechtigkeiten, die sich in manchen Branchen zeigen, seien es die immer größeren Schwierigkeiten, für Alte und Pflegebedürftige zu sorgen, seien es die globalen Ungerechtigkeiten… All das war auch vorher schon da und wird weiter da sein, wenn wir keine Veränderungen erreichen… Wenn wir als Türhüter unseres Lebenshauses und als Türhüter unseres Welthauses voller Erwartung nach dem Impfstoff Ausschau halten, dann kann das zwar Hoffnung geben, das Licht am Ende des Tunnels, aber es wird nicht alles lösen.

Wenn wir noch einmal in das Gleichnis schauen, das wir da an diesem ersten Adventssonntag hören, dann ist sehr auffallend, dass der Türhüter da, weniger nach diesen oder jenen Leuten und Vorgängen wachsam Ausschau halten soll, sondern seine Aufmerksamkeit soll vor allem auf eines gerichtet sein: Auf den Herrn des Hauses und sein Kommen.

Vielleicht ist dieser „andere Advent“, den wir alle in diesem Jahr erleben, die Einladung und die Chance diese Seite des Ausschauen und Erwartens neu zu pflegen. Vieles, was sonst den Advent prägt, das ist in diesem Jahr nicht möglich. Das gemütliche Beisammensein und die großen Weihnachtsfeiern wird es nicht geben, auch vieles andere geht nicht.

Der Herr kommt. Schauen wir aus nach ihm. Er kommt auf vielfältige Weise. Ihn wahrzunehmen und zu empfangen, darauf kommt es an. Vielleicht kommt er mir entgegen in jemand, an der mir in diesen Tagen in den Sinn kommt. Warum nicht das Telefon in die Hand nehmen und anrufen? Vielleicht gibt es da jemand, der sich über diese Nachfrage und diesen Kontakt freut.

Vielleicht kommt er mir entgegen in ganz kleinen und unscheinbaren Dingen. Eine Kollegin in einer anderen Gemeinde lädt im Advent wie vor Ostern wieder ein „Goldene Momente“ zu sammeln. Es gibt sie diesen kleinen alltäglichen Erfahrungen, in denen doch etwas vom göttlichen Gold durchscheint.Es geht darum, diese kleinen Momente zu teilen, damit die diese feine Goldspur in diesen dunklen Tagen sichtbar wird.

Und warum nicht bewusst dafür Zeit nehmen, was sonst trotz aller Beteuerungen im Advent oft doch zu kurz kommt, bei sich zu sein, Stille und Gebet mehr zu pflegen…

Die Benediktinerin und Dichterin Silja Walter hat diese Haltung ausgedrückt in ihrem berühmten Gebet des Klosters am Rande der Stadt:

Jemand muss zuhause sein,
Herr,
wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten,
unten am Fluss
vor der Stadt.
Jemand muss nach dir
Ausschau halten,
Tag und Nacht.
Wer weiss denn,
wann du kommst?

Herr,
jemand muss dich
kommen sehen
durch die Gitter
seines Hauses,
durch die Gitter –
durch die Gitter deiner Worte,
deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens
immer jetzt und heute
in der Welt.

Jemand muss wachen,
unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden,
Herr,
du kommst ja doch in der Nacht,
wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst.
Wachen.
Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draussen herum
und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran,
dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist
und sicher kommst?

Jemand muss es glauben,
zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen
und dich einzulassen,
wo du immer kommst.
Herr, durch meine Zellentüre
kommst du in die Welt
und durch mein Herz
zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst?
Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben
sind wir da, –
draussen,
am Rand der Stadt.

Herr,
und jemand muss dich aushalten,
dich ertragen,
ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten
ohne an deinem Kommen
zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten
und singen.
Dein Leiden, deinen Tod
mitaushalten
und daraus leben.
Das muss immer jemand tun
mit allen anderen
und für sie.

Und jemand muss singen,
Herr,
wenn du kommst!
Das ist unser Dienst:
Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die grossen Werke tust,
die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist
und wunderbar,
wie keiner.

Komm, Herr!
Hinter unsern Mauern
unten am Fluss
wartet die Stadt
auf dich. Amen.

Silja Walter OSB

(zitiert nach www.siljawalter.ch )