Miteinander das tun, was Christus tut

Predigt und Gemeindebrief zum 11. Sonntag im Jahreskreis - 14.06.2020

Liebe Schwestern und Brüder hier in der Kirche, und die Sie am Telefon mit uns verbunden sind!

Der Fronleichnamstag klingt in uns allen noch nach. Selten gab es so viele Rückmeldungen persönlicher Art. In mehreren Gesprächen und Telefonaten haben Menschen aus unserer Gemeinde mich angesprochen. Immer wieder war der Satz zu hören: „Ich war sehr berührt! Ich habe mich sehr gefreut! Es tat mir so gut!“ Dabei haben wir alle ja auch in den vergangenen Jahren schöne Fronleichnamsfeiern mit Gottesdienst, Prozession und Gemeindefest erlebt. Aber ich habe den Eindruck, dieses Jahr ging das alles noch tiefer, es war persönlicher und viele einzelne waren im Herzen berührt. Das ging sowohl denen so, die besucht wurden und die sich an den Stationen eingefunden haben, aber auch denen die in den Andacht Teams unterwegs waren. Für mich persönlich ging das Fronleichnamsfest in dieser Weise weiter, als ich gestern nach Wochen zum ersten Mal wieder Menschen im Altenzentrum die Kommunion auf die Zimmer bringen durfte. Ich kann mich kaum erinnern, dass mir in ein paar Stunden so geballte Freude begegnet ist.

Da habe ich von einigen gehört: so mit der Monstranz, dem Allerheiligsten ausgesandt zu sein und Christus zu den Menschen zu tragen, das war sehr bewegend. Da sind wir bei dem, was in den Lesungen dieses heutigen Sonntags aufscheint. Da geht es um Beauftragung und Sendung. Jesus sendet Menschen aus. Das, was seine ureigenste Aufgabe ist, das kann Jesus nicht alleine tun, das ist ihm sehr bewusst. Schon das Land Israel ist zu groß, er kann nicht überall hinkommen. Es sind zu viele Menschen, die auf ihn warten und hoffen, dass er ihnen eine wirklich frohe Botschaft bringt und dass er Gutes für sie tut. Auch Jesus kommt da an seine Grenzen.

Er offenbart da einen Gott, der eben nicht mit der Gießkanne oder dem Eimer seine Güte und Liebe einfach so über die ganze Welt schüttet. Dieser Gott, der Person ist, will auch ganz persönlich bei den Menschen ankommen. Er will die Menschen ganz persönlich ganz individuell berühren und erreichen. Und da geht es eben nicht, wenn alles auf einmal für alle und gleichzeitig ausgeschüttet wird, ohne ein „Gesicht“, dass das überbringt. Das würde zwar alle irgendwie erreichen, aber keiner fühlte sich wirklich als Mensch, als Person angesprochen und gemeint.

Jesus hat die Menschen sehr deutlich vor Augen. Er sieht, dass sie müde sind, dass sie Hilfe brauchen und dass sie oft orientierungslos sind. Aber er kann nicht bei allen gleichzeitig sein, nicht alle in jedem Moment persönlich erreichen. Darum sendet er seine Jünger aus. Mehrfach ist das in den Evangelien beschrieben. Was ist der Auftrag, den die Jünger von Jesus bekommen? Sie bekommen von ihm den Auftrag, genau das zu tun, was er selber tut und das zu sagen, was er selber sagt. Ohne Abstriche, 1 zu 1: seine Botschaft und seine Taten. Im Lukasevangelium heißt es, dass Jesus seine jünger in die Orte und Ortschaften schickt, in die er selber gehen will.

Ich meine, etwas von dem haben wir versucht, an diesem Fronleichnamsfest miteinander umzusetzen. Nicht im eigenen Namen und im eigenen Auftrag unterwegs zu sein, sondern ganz und gar in seinem Namen und in seinem Auftrag. Nicht uns zu bringen, sondern ihn zu bringen. Wir geben nur weiter, was wir selber empfangen haben. Wir gehen dahin, wo er selber höchstpersönlich hinkommen und wirken will. Ich meine, etwas von dem ist tatsächlich gelungen. Sonst wären die Menschen an den Stationen nicht so berührt und bewegt gewesen. Ich glaube, viele haben bewusst oder unbewusst gespürt, er kommt zu mir ganz persönlich und genau dahin, wo ich bin.

In diesem Vorgang, dass Gott, dass Jesus mit seinen Worten und Werken zu den Menschen kommen will und ihnen Gutes tun will, darin gibt es verschiedene Aufgaben und Berufungen. Nicht alle können und nicht alle müssen genau das Gleiche tun. Und doch gehören alle Aufgaben und Berufungen zusammen: Denn einer allein, eine spezielle Berufung allein, kann niemals Christus als ganzen vermitteln.

Es ist interessant, dass die Lesungen dieses heutigen Sonntags eine eigenartige Spannung aufbauen. Die bewusste Zusammenstellung dieser Lesungen bügelt diese Spannung nicht einfach glatt, ebnet sie bewusst nicht ein, sondern lässt sie bestehen. Diese Spannung scheint notwendig zu sein. In der Lesung aus dem Buch Exodus da liegt die Betonung darauf, dass das gesamte Volk Israel, alle in diesem Volk ohne Ausnahme, ein von Gott geheiligtes Volk sind, ein Volk von Priestern, dh. mit dem Auftrag Menschen mit Gott zusammenzubringen. Und dieses priesterliche Volk Gottes ist nicht für sich selber da, sondern hat einen Auftrag von Gott für die ganze Welt.

Der andere Spannungspol ist das Evangelium: Da hat Jesus sehr wohl das ganze Volk vor Augen, das Volk Gottes, das für ihn zunächst das Volk Israel ist. Aber aus diesem Volk heraus wählt er einzelne sehr bewusst und sehr konkret aus für eine besondere Aufgabe. So gezielt und so konkret, dass sie in einer langen Liste alle einzeln mit Namen aufgeführt sind. Auch diese Berufung ist nicht die Berufung zur individuellen Selbstverwirklichung, sondern ein Dienst für das ganze Volk Gottes, für alle Menschen.

Ich glaube, an diesem Fronleichnamsfest ist etwas vom Zusammenspiel der verschiedenen Berufungen deutlich geworden. Priester und Laien, Hauptamtliche und Ehrenamtliche. Jeder und jede braucht den anderen, die anderen, die anderen Berufungen.Um den ganzen Christus, um seine Botschaft und um seine Taten zu den Menschen zu bringen, braucht es alle zusammen im Miteinander der verschiedenen Dienste und Berufungen.

Es braucht die gemeinsame Feier der Eucharistie als Ausgangspunkt, nicht jeder kann für sich sozusagen „seinen Jesus“ holen und zu den Menschen tragen. Aber es braucht zugleich die vielen, die bereit sind, diesen Dienst mitzutun. Ganz praktisch haben wir das erlebt. Als Pfarrer kann ich keinesfalls an einem Tag an 15 Stationen gleichzeitig sein. Es braucht ganz viele, damit dieser eine Christus überall hinkommt und zwar höchstpersönlich. Das haben wir an Fronleichnam in einer gottesdienstlichen, in einer liturgischen Weise getan. Das ist wichtig und das war für viele Menschen unglaublich bestärkend, sonst hätte es nicht diese Rückmeldungen gegeben, die wir erlebt und bekommen haben.

Und doch möchte ich auf etwas sehr Wichtiges hinweisen: Das, was wir in gottesdienstlicher Weise praktiziert haben, das muss auch in vielen anderen Formen praktiziert werden, sonst hängt das in der Luft. Es ist sehr bemerkenswert, dass Jesus in der Berufung und Aussendung der Jünger nicht davon spricht, rauszugehen, um Gottesdienste zu halten, um Gebete zu sprechen, um Kirchen zu bauen... Er gibt den Auftrag: „Verkündet: das Himmelreich ist nahe, heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein!“

Ich meine, dass wir als Kirche, als Gemeinde und als einzelne aufpassen müssen, dass wir uns alle nicht nur auf das konzentrieren, was Gottesdienst und Liturgie ist. So wichtig das ist, und so zentral dieser Ausgangspunkt, diese Quelle für uns ist, so ist doch die eigentliche Richtung, zudem das hinführen muss, immer im Blick zu behalten: Dass Menschen heil werden an Leib und Seele, dass sie zum Leben in Fülle kommen.

Amen.

 

Pfarrer Bernhard J. Schmid

 

Gemeindebrief zum 13 zum 11. Sonntag im Jahreskreis - 14.06.2020

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