Jahresthema 2017/2018

"Von Mensch zu Mensch"

Das MISEREOR-Hungertuch 2017 "Ich bin, weil du bist" von Chidi Kwubiri © MISEREOR

unsere arme bauen eine brücke
über abgründe und schluchten
mutig wandere ich von mir zu dir
im vertrauen dass du mir entgegen kommst
und meine fremde besiegst

lass uns in jedem atemzuge sagen
ängste dich nicht vor mir
wer soll denn wenn nicht wir
die tränen trocknen und einander
engel sein wenn nacht uns
jeden weg verdunkelt

(Wilhelm Bruners)

Chidi Kwubiri, ein in Deutschland lebender nigerianischer Künstler, hat zwei Bilder in der Maltechnik des Drip painting geschaffen; das bedeutet so viel wie getropfte Malerei. Werden beide Bilder nebeneinander aufgehängt oder aufgestellt, bleibt der Zwischenraum zwischen ihnen erhalten. Auch auf dem Stoffdruck ist die Trennung erkennbar. Der Zwischenraum steht für Distanz, für Fremdheit, doch die Distanz wird zur Nähe durch den tiefen Blick, den beide Personen tauschen, und die Berührung über die Grenze hinweg.

Die ausgestreckten Arme liegen auf den Schultern des oder der Anderen und nehmen die Farbe des Gegenübers an. Wir können das Grün als Farbe der Lebenskraft und Erneuerung deuten und das Gelb als Farbe der Schöpfung und Fruchtbarkeit. Der Künstler ließ sich von dem kristallklaren grün-blauen und dem ockerfarbenen Wasser der beiden großen Flüsse, Niger und Benue, in seinem Heimatland Nigeria inspirieren. Sie stammen aus verschiedenen Quellen, haben einen je eigenen, völlig verschiedenen Charakter und vereinigen sich bei der Ortschaft Lokoja.

Die beiden dargestellten Menschen tragen afrikanische Züge. Sie hätten aber auch anders gemalt werden können. Das Weisheitswort „Ich bin, weil du bist“ gilt für alle Kulturen. Auch wir in Europa, auch wir in Deutschland, brauchen einander, wir leben mit- und voneinander. So leben wir in den Industrieländern von der Arbeit und den Rohstoffen, dem Wissen und der Weisheit der Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern. Waren und Güter fließen hin und her, vom Süden in den Norden, vom Norden in den Süden. Es gibt Abhängigkeiten in beide Richtungen – es gibt aber auch Gemeinschaft und Austausch von Kenntnissen, Erfahrungen, Ideen, Werten.

Im Süden wie im Norden suchen Menschen nach Nähe, Verständnis und Anerkennung. Sie – wir – suchen nach einem Weg in die Zukunft, nicht gegen-, sondern miteinander. Wenn er tragfähig sein soll, kann es nur ein gemeinsamer Weg sein. (Petra Gaidetzka, MISEREOR)

Das Hungertuch passt zu unserem Jahresthema: „Von Mensch zu Mensch“. Das meint genau das, was im Hungertuch ausgedrückt ist: Von Angesicht zu Angesicht aufeinander zugehen führt uns zusammen und verbindet uns untereinander und in Christus.