Individualisten, die zusammenfinden

Predigt und Gemeindebrief zum 28.06.2020 - Peter und Paul

Liebe Schwestern und Brüder!

In den letzten Wochen tauchte vielfach ein Wort auf, nämlich das Wort „systemrelevant“. Was ist systemrelevant? Diese Frage wurde vor allem in gesellschaftlichen zusammenhängen gestellt. Welche Berufe, welche Arbeitsbereiche, welche Branchen gehören dazu? Wenn es eng wird, wenn es schwierig wird, was ist dann unbedingt notwendig? Wen oder was braucht es unbedingt und auf was kann man auch verzichten, weil es für das System eben nicht zwingend notwendig ist? Dabei tauchte auch die Frage auf wie systemrelevant die Kirchen sind. Gerade im Zusammenhang mit der Absage öffentlicher Gottesdienste wurde das immer wieder thematisiert.

Wenn jetzt Schritt für Schritt auch unser kirchliches und gemeindliches Leben wieder möglich ist, dann ist es Im Moment gerade spannend, wie langsam oder schnell das eine oder andere wieder startet. Was ist diese Woche sagte jemand im Gespräch: „Ich war erstaunt, das nachdem öffentliche Gottesdienste wieder möglich waren, der Kirchenbesuch bislang doch so zögerlich war.“ Manche hatten die Sorge, dass die wenigen Plätze in unseren Kirchen nicht ausreichen würden. Aber das war bislang ne ein Problem, es gab immer genügend Plätze.

So kommt ie Frage: „Was ist systemrelevant?“ auf die persönliche Ebene. Das heißt: Was ist für mich, für mich ganz persönlich systemrelevant? Was braucht es unbedingt und was brauche ich unbedingt für das „System meines Lebens“! Auf was kann ich vorübergehend oder dauerhaft verzichten und was brauche ich unbedingt immer? Diese Frage kann man sich in allen Bereichen des Lebens stellen, aber auch in besonderer Weise im Blick auf den Glauben und das religiöse Leben. Was brauche ich da, was ist für mich unverzichtbar? Ist es der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes oder nicht? Brauche ich den Empfang der Kommunion oder gehts auch ohne? Brauche ich die Sakramente und wenn ja welche genau? Brauch ich das Singen im Gottesdienst oder geht es auch mal ohne? Brauche ich die Gemeinschaft, die auch über den Gottesdienst hinaus reicht oder nicht?

Ich meine, wir alle werden diese Fragen und viele andere die man noch stellen könnte, sehr unterschiedlich beantworten: Der eine so der andere so. Wenn wir ehrlich sind, ist das alles sehr, sehr individuell geworden. Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie geben und wie die Geschichten und Erfahrungen, die hinter diesen Menschen stehen. Das ist auch ohne die Erfahrungen dieser Corona-Zeit schon so gewesen. Diese Zeit hat das nur noch einmal deutlicher gezeigt.

Auch und gerade das religiöse Leben und Erleben, die Bedürfnisse oder nicht Bedürfnisse in diesem Bereich sind sehr individuell geworden. Da brauchen und wollen die einen unbedingt die Taufe ihres Kindes, obwohl sie als Eltern schon lange nicht der Kirche mehr angehören. Jemand anders sagt: dieses oder jenes Sakrament, das kann ich nur in dieser einen Kirche feiern, sonst passt das für mich nicht. Und was wir als Kirche und Gemeinde an Angeboten, an Veranstaltungen, an Katechese usw. machen, da wählen auf die breite gesehen die einzelnen sehr gezielt aus und signalisieren bei vielem anderen: „Das brauche ich nicht.“ Das bringt uns als Gemeinde in eine Spannung: Auf der einen Seite zu schauen, wie wir den einzelnen und ihren Bedürfnissen wirklich gerecht werden, und auf der anderen Seite dann doch auch das Bedürfnis: Das muss doch irgendwie auch wieder zusammen gehen, wir brauchen doch auch Gemeinschaft , ein Miteinander es kann doch auch nicht sein, dass jeder halt nur irgendwie „sein Ding“ sucht und macht.

Das Fest, das wir heute feiern, das Hochfest der Apostel Petrus und Paulus, gibt da vielleicht einige spannende Anregungen: Petrus und Paulus, da haben wir zwie äußerst individuelle Persönlichkeiten vor uns, mit ganz unterschiedlicher Herkunft unterschiedlicher Lebenserfahrung und Einstellung. Petrus, der handfeste Fischer aus Galiläa, durchaus mit Führungsqualitäten, einer der auch mal voran gehen kann, wahrscheinlich war er der Chef so einer kleinen Fischerei-Kooperative. Er hatte sicher eine bodenständige religiöse Grundlegung in seiner Familie und in seiner Umgebung mitbekommen. Aber das war sicher nicht vergleichbar mit Paulus, der in religiösen Dingen ein richtiger Studierter war.Paulus, der aus der jüdischen Diaspora stammte und nicht aus dem jüdischen Kernland, der war gewohnt, dass man sich permanent sowohl im innerjüdischen Bereich, als auch mit vielen außerhalb der jüdischen Kreise auseinandersetzen musste. Und zudem einer, der sicher in vielem auch so seinen eigenen Kopf hatte.

Auch in ihrer Jesus-Erfahrung und in ihrer Berufung durch Jesus haben die beiden sehr unterschiedliche Erfahrungen: Petrus wird mit einigen anderen von seinen Netzen am See Genezareth von Jesus weggeholt . Er ist mit Jesus und den anderen einige Zeit unterwegs, erlebt Jesus hautnah, er hört, was Jesus predigt und sieht, was Jesus tut. Das indiviuelle wird auch heute nochmal im Evangelium hervorgehoben, indem der Auferstandene ihn ganz persönlich fragt: „Liebst du mich?“

Paulus hingegen hat ein höchst individuelles Berufungserlebnis vor Damaskus. Der auferstandene holt ihn vom Pferd herab und setzt in ihm einen inneren Prozess in Gang, der über einige Zeit dauert. Paulus ist wie kein anderer angetrieben, das Evangelium von Jesus dem Gekreuzigten und Auferstandenen bis an die Enden der Welt zu tragen. Fast wie ein Besessener geht er von Ort zu Ort, von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent.

Petrus und Paulus, zwei Individualisten, zwei Charakterköpfe, die sowohl ihre ganz eigene Erfahrung haben, als auch in Ihre Art Vorgehensweise die junge Kirche mitzugestalten sehr unterschiedlich ticken und vorgehen. Und doch brauchen beide auf ihre Weise die Rückbindung in die Gemeinschaft und in das größere Ganze. Auch wenn Petrus schon früh eine besondere Rolle in der Gruppe der Jünger spielt, so steht er aber nicht allein, sondern oft mit anderen zusammen. Mit denen, die Jesus mit ihm berufen hat, zum Beispiel seinem Bruder Andreas oder mit Johannes und Jakobus den Zebedäus-Söhnen und mit vielen anderen. Zum Beispiel wird in den Evangelien an manchen Stellen deutlich, wie Petrus zum Beispiel die Ergänzung durch den Johannes braucht. An vielen Stellen tauchen sie miteinander auf.

Genauso braucht Paulus die Ergänzung durch die Gemeinschaft. Auch nach seinem Erlebnis vor Damaskus muss er zunächst durch andere eingeführt und in die Gemeinschaft hineingenommen werden. Es reicht eben nicht, dass er sich wie ein Schriftgelehrter einfach zurückzieht und seine Gedanken ausarbeitet. So ist es notwendig, dass er irgendwann auch nach Jerusalem zieht, um dort mit anderen Aposteln in Kontakt zu kommen sich mit ihnen auszutauschen. Zudem ist Paulus auf seinen Reisen nie allein unterwegs .Er hat immer jemand mit dabei, der mitgeht und seine Briefe zeigen, in welch großes Netzwerk er eingebunden ist, an dessen Entstehung er selbst maßgeblichen Anteil hat.

So ist und bleibt es spannend, wie die beiden von der Kirche bewusst in einem Fest zusammengenommen wurden. Die Individualität ihrer Persönlichkeiten und ihrer Biographien und auch ihres Wirkens wird damit nicht weggewischt. Aber zugleich wird eben doch deutlich wie beide Charakterköpfe nur denkbar sind im Gesamt der Jesusbewegung und der jungen Kirche, die sich entwickelt. Bitten wir die beiden um ihre Fürsprache, damit wir auch heute Wege finden, das zusammenzubringen. Nämlich, dass Menschen mit ihren Ganz individuellen Lebensgeschichten und Erfahrungen Zugang finden zu Jesus und auf der anderen Seite doch zusammenfinden zu der einen Gemeinschaft in Jesus.

Amen.

Pfarrer Bernhard J. Schmid

 

Gemeindebrief 15 zum 28.06.2020 - Peter und Paul