In unübersichtlicher Landschaft und doch nicht allein

Predigt-Video und Gemeindebrief zum 6. Sonntag der Osterzeit - 17.06.2020

Bild: pixabay

Liebe Schwestern und Brüder – hier in der Kirche und Zuhause am Telefon!

In den Diskussionen auf allen Ebenen in den letzten Tagen sprach jemand von einer „Aufkündigung der Einmütigkeit“. Gemeint ist damit nach der Phase des „Lockdown“, in der alles heruntergefahren war, sind wir nun in der neuen Phase der schrittweisen Öffnung an dem Punkt, in dem alles nicht mehr so klar und eindeutig ist. Den einen geht alles viel zu schnell, den anderen geht alles viel zu langsam. Es kommt mir vor, wie wenn wir wie nach einem großen Unwetter wieder aus langsam aus unseren Häusern kommen, aber die Welt, die wir „da draußen“ vorfinden ist eine ganz andere, als die, die die wir vor einigen Wochen zurückgelassen haben.

Wir sind irgendwie alle wie in eine neue fremde unbekannte Landschaft gestellt. Und da zieht es plötzlich in viele Richtungen: Die einen möchten schnell das Alte möglichst so wie es vorher war, wiederherstellen.Die andern sagen: Nein, es kann doch nicht der Weg sein, zu dem zurückzukehren, wie es vorher war, jetzt ist die Chance, alles neu und besser zu machen als vorher.  Diese unterschiedlichen Strömungen spüren wir in der Gesellschaft, aber auch in der Kirche.

In so einer so neuen, veränderten Situation ist auch wittern auch viele ihre Chance, um sich mit allen möglichen Theorien und Meinungen zu Wort zu melden. Darunter nicht wenige, die mit Verschwörungstheorien und selber zusammengebastelten Weisheiten daher kommen. In unserer demokratischen und pluralistischen Welt sind wir gewohnt mit vielen Meinungen und vielen „Wahrheiten“ umzugehen. Doch in einer solchen Krisensituation spüren wir auch,

wenn man alles nur gleichermaßen gelten lässt, man da auch an gefahrvolle Grenzen kommen kann. Vor allem dann, wenn verrückte und gefährliche FakeNews sich rasend schnell verbreiten, und manchmal selbst bei Leuten verfangen, von denen man doch meint, dass sie eine gewisse Grund-Vernunft mitbringen.

In dieser unübersichtlichen Landschaft mit ihren vielen Meinungen und Richtungen erwacht die Sehnsucht nach der Wahrheit und die Suche, was jetzt das Richtige ist. So kann das Gefühl entstehen in dieser weiten Landschaft verlassen wie ein „Waise“ zurückzubleiben. Jesus greift dieses Bild auf. Er hat seine Jünger vor Augen, von denen er weiß, dass sie mit seinem Tod und der daraus folgenden Verlassenheit nicht zurechtkommen werden. Sie werden auch mit der neuen Situation nach Ostern, nach seiner Auferstehung nicht zurechtkommen, weil sie keine Rückkehr in die vorherige Normalität ist. Dieser Jesus, der Auferstandene ist da, und doch nicht einfach so greifbar, festhaltbar wie vorher. Die Jünger bleiben auch nach Ostern mit einer gewissen Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit zurück.

Für das Johannesevangelium, aus dem wir in der Osterzeit viel Jesus-Worte hören, ist die Frage nach der Wahrheit eine zentrale. Doch das Wort steht nicht für sich. Im Evangelium geht es bei Wahrheit nicht einfach um „Recht-Haben“. Es ist viel mehr und die Wahrheit gibt es nur in einem Zusammenhang mit anderen Begriffen und Werten.

In Evangelium heute ist da nicht nur von der Wahrheit die Rede, sondern auch von der Liebe: Von der Liebe des Vaters zum Sohn, von der Liebe Jesu zu seinen Jüngern und von ihrer Liebe zu ihm und zueinander. Das lässt sich nicht trennen. Eine Wahrheit ohne die Liebe wird falsch und rechthaberisch. Nur im Zusammenhang mit der Liebe wird sich richtig und weist den richtigen Weg und gibt die richtigen Antworten.

Das gilt auch für die vielfältigen Fragen, die uns alle jetzt beschäftigen, und bei denen es keine einfache Antwort gibt:

-             Müssen Schulen und Kitas schnell wieder geöffnet werden, um die Familien, die unter großen Druck sind zu entlasten. Oder wie langsam muss das gehen, dass die Erfolge, in der Eindämmung des Virus, die gerade dadurch entstanden sind, nicht zu verspielen?

-             Wieviel Abschottung zum Schutz brauchen unsere alten Leute besonders in den Heimen und wielviel Kontakt zu nächsten Angehörigen um nicht irgendwann sozial völlig isoliert zu sein?

-             Welch Öffnungen braucht es für Wirtschaft, Handel und Gastronomie damit nicht die Folgen der Schließungen viele Existenzen bedrohen…

Jesus lässt seine Jünger nicht allein in dieser neuen, fremden und unübersichtlichen Landschaft zurück. Wenn ich mich allein und unsicher fühle, dann brauche ich jemand, der bei mir ist, der beisteht, und gegebenenfalls auch zum Richtigen rät. Genau da hinein verheißt Jesus seinen Geist, den Geist der Wahrheit. Er ist es, der die Wahrheit in Verbindung mit der Liebe hält.  Und er ist es der die Wahrheit in Verbindung mit einem weiteren zentralen Wert hält: mit der Hoffnung. Das ist keine Hoffnung ins Blaue hinein, sondern die einen „guten Grund“ hat.  Diese Hoffnung ist uns Christen gegeben. Wahrheit, Liebe, Hoffnung – nur aus dieser Verbindung heraus ergibt sich in unüberschaubarer Landschaft der richtige Weg.

Bitten wir den Geist Gottes, dass er uns alle drei Werte schenkt, damit die Hoffnung von uns ausgeht. So formuliert schon vor vielen Jahren der ev. Theologe Jürgen Moltmann:

„Wer einem Menschen Geduld schenkt,

der infiziert ihn mit Hoffnung.

Wer einen Menschen aufnimmt, so wie er selber von Christus angenommen ist,

der löst ihm die Zunge zum Loben.

Lasst uns ausziehen aus unseren Gewohnheiten

und unseren Gewöhnlichkeiten,

um an der Bibel das Hoffen zu lernen.

lasst uns ausziehen und über die Grenze gehen,

um das Leben mit Hoffnung zu infizieren.“                       

Jürgen Moltmann, Die Sprache der Befreiung, München 1972

 

Pfarrer Bernhard J. Schmid

 

Gemeindebrief 9 zum 6. Sonntag der Osterzeit - 17.05.2020

3. Maiandacht für den 17.05.2020

Vorlagen für Hausgottesdienste am 17.05.2020 (Diözese)