"Heute bin ich dein Gast! - Fronleichnam ganz persönlich

"In Eislingen kommt die Kirche zu den Menschen", titelte die Zeitung. Mehr noch: Jesus kommt zu den Menschen! Das durfen viele auf berührende Weise beim diesjährigen Fronleichnamsfest erfahren. Statt einer Prozession gab es 15 Segensstationen an vielen Orten der Stadt. - Predigt und Impressionen -

 „Heute muss ich bei dir zu Gast sein!“

Liebe Schwestern und Brüder, hier versammelt und übers Telefon mit uns verbunden!

In den letzten Tagen habe ich viele Telefonate geführt. Ich muss sagen, dass sie für mich alle sehr bewegend waren. Manche mit denen ich gesprochen habe, sind jetzt hier, andere sind jetzt übers Telefon verbunden. Ich muss sagen, dass ich mich selten einer Bibelstelle so nahe gefühlt habe, mich sozusagen irgendwie drin in der dieser Geschichte gefühlt habe. Die Telefonate drehten sich alle um die Frage, ob wir heute an Fronleichnam am Nachmittag zu ihnen kommen dürfen, d.h. vor ihr Haus und das Allerheiligste mit der Monstranz dahin bringen und miteinander dort beten dürfen.

Einige waren aufgrund dieser eigenartigen Anfrage doch sehr überrascht und erstaunt: „Ja wie, warum grade zu mir?“ „Weil ich glaube, dass Sie sich vielleicht darüber freuen würden.“ Habe ich gesagt. Manche von den Angefragten können schon einige Zeit nicht mehr so einfach aus dem Haus. Einzelne schon vor Corona, andere jetzt erst recht seit Corona. Da ist ja besonders Älteren oder Kranken empfohlen daheim zu bleiben.  Und so ist der die Teilnahme am Gottesdienst halt nur über Fernsehen oder auch wie jetzt übers Telefon möglich. Manche hätten auch ohne Corona weder jetzt noch bei einer großen Prozession dabei sein können.

So haben wir das dieses Jahr einfach mal umgedreht: Nicht die Leute müssen dahin kommen, wo die Prozession langeht, sondern die Prozession kommt in vielen kleinen Stationen, kleinen „Fronleichnamsaltären“ an ganz viele Orte, in ganz viele Straßen und Ecken. Auch dahin, wo seit Menschengedenken noch nie eine Prozession vorbeikam. Aber mir scheint, damit sind wir doch ganz nahe dran, an dem was uns im Evangelium entgegenkommt. Jesus hat keine „Residenz“, zu der alle hinkommen müssen, die ihn erleben wollen; die ist weder in Nazareth noch in Kafarnaum, noch in Jerusalem, nirgends lässt er sich dauerhaft nieder und wartet, bis die Leute zu ihm kommen.

Nein, es ist andersherum: Jesus zieht von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt – manchmal auch von Haus zu Haus und kommt dahin, wo die Menschen sind. So ist es auch in Jericho: Jesus kommt hin. Dann strömen die Leute zusammen. Aber heute im Evangelium treibt er es auf die Spitze: Aus der Menge pickt er sich scheinbar wahllos einen heraus, dazu noch einen kleinen, den man leicht übersieht, und der sich aus Neugier hinauf auf einen Baum verkrochen hat. Dazu noch ist das einer, der bei dem alle die Nase rümpfen und von dem sich alle anderen zurückziehen.

Ausgerechnet zu dem sagt Jesus: „Komm schnell vom Baum herunter. Heute muss ich bei dir zu Gast sein.“ Das geht eigentlich gar nicht, aus verschiedenen Gründen: Dieser Jesus muss doch für alle da sein, das ist doch sein eigener Anspruch! Da kann er sich doch nicht einen heraussuchen und nur zu dem gehen, während doch die ganze Stadt auf ihn wartet. Wer so handelt, der braucht sich nicht wundern, wenn sich Leute abwenden und sagen: „Zu dem geht er, aber zu mir kommt er nicht!“ Und dann hat ausgerechnet der eine höchst unanständigen Beruf, ja er ist ein durch und durch unanständiger Mensch! Er ist Zöllner, einer der nicht nur mit der römischen Besatzungsmacht kollaboriert, sondern dazu noch sich am Geld anderer Leute bereichert. Der ist korrupt und schlecht, das weiß jeder. Dazu kommt noch die religiöse Komponente: Wer so etwas tut wie der, der gehört nicht zur religiösen Gemeinschaft, der ist unrein und jeder der sich freiwillig mit ihm abgibt macht sich auch unrein.

Da muss der kleine Mann im Baum da oben auch ziemlich überrascht gewesen sein: Mit dem hat der sicher am allerwenigsten gerechnet. Da kommt der Jesus in die Stadt und wen besucht er: Ausgerechnet mich! Nach der ersten Überraschung und Verlegenheit schlägt das jedoch bei ihm in große Freude um. Genau das habe ich bei meinen Telefonaten in der Anfrage für die Stationen auch bemerkt: „Ausgerechnet zu mir, vor mein Haus, vor meinen Balkon, vor mein Fenster kommt ihr, damit ich dabei sein kann!“

Und noch eine Unmöglichkeit macht Jesus: Man lädt sich doch eigentlich nicht selber ein. Normalerweise wird man eingeladen und nur dann geht man zu jemand. Jesus ist da sehr direkt: „Heute muss ich in deinem Haus bleiben.“ Heißt es in der neuen Einheitsübersetzung. Nach dem Motto: Es gibt keine Ausrede, keinen Grund, dass ich nicht komme – „ich muss.“ Und wörtlich sagt Jesus nichts von Gast sein, er gebraucht das griechische Wort „menein“, das bedeutet „bleiben“: „heute bleibe ich bei dir!“ Das ist also keine Stippvisite. „Menein“ ist im Griechischen auch das Wort für „Wohnen“. Quasi: Jesus zieht da - zumindest für einen Tag - komplett ein.

So ist das mit dem Jesus: Er kommt dahin, wo die Leute sind – ganz persönlich. Und wo er hinkommt, da zieht er gleich richtig ein. Eigentlich ist ja Zachäus der Gastgeber, aber das dreht sich im Lauf der Geschichte völlig um: Er spürt immer mehr, dass er eigentlich der Beschenkte ist. Der eigentliche Gastgeber ist Jesus.

Wenn wir heute  Nachmittag an 15 verschiedene Stationen zu 15 verschiedene  Adressen gehen, dann wird das auf einmal sehr konkret und sehr persönlich. Und auch wenn wir nicht bei allen Häusern, allen Menschen unserer Stadt sein können, dann wird doch jedem deutlich: Das könnte auch bei mir sein. Da bin auch ich gemeint. Es ist ein starkes Zeichen, zu dem uns Corona in diesem Jahr hingeführt hat: Diesen Jesus dahin zu bringen, wo er immer schon hinwill: Zu den einzelnen, an die Ecken und Winkel, nicht nur auf die schönen, großen Plätze. Sondern ganz persönlich und individuell. Wenn da ein Mensch die Tür seines Herzen aufmacht, wie Zachäus, dann kommt Jesus höchstpersönlich. Das wir deutlich, wenn wir das Allerheiligste genau dahin bringen. Das ist seit Anfang an auch das Anliegen von Papst Franziskus, der immer wieder aufruft, an die Ränder zu gehen und es selber auch so praktiziert.

Wenn wie so heute exemplarisch Christus an 15 Stationen bringen, dann trifft das genau das Zentrum des Fronleichnamsfestes: Dass der Segen Christi in die Welt hinaus geht, und ganz direkt und persönlich bei jedem einzelnen ankommt. „Mir armen Gast bereitet hast, das reiche Mahl der Gnaden.“ Das dürfen wir jetzt feiern. Wir haben den Tisch bereitet, aber er lädt uns ein. „Heute muss ich bei dir bleiben!“  Amen.

Pfarrer Bernhard J. Schmid

 

Pressebericht...

Fotos vom Gottesdienst und den Segensstationen...

Den "Soundtrack" zum Tag mit dem Lied "Sei mittendrin in dieser Stadt" können Sie hier nachhören...