Gott hat Sehnsucht

Predigt zum 25. Sonntag im Jahreskreis, 20.09.2020 Gemeindegottesdienst mit Firmung

Manchmal, wenn mir jemand einen Gefallen getan hat hab ich zum Dank schon mal gesagt „dafür gibt‘s einen Fensterplatz im Himmel“
Da geht es ums Danke-Sagen mit einem Augenzwinkern, und sicher auch darum, dass Gott sieht, was wir einander Gutes tun.
Dabei bin ich trotzdem sehr überzeugt, dass es keinen Himmel der Ersten oder Zweiten Klasse gibt, mit Polstersesseln oder Holzbänken, je nachdem was ich mir erarbeitet habe.

Die Entlohnung der Arbeiter, über die Jesus in diesem Gleichnis spricht, kann da eine ziemliche Provokation sein: Es fühlt sich sehr ungerecht an, wenn diejenigen, die den ganzen Tag geschuftet haben am Ende das gleiche bekommen, wie jemand der erst eine Stunde dabei war.
Aber dann steht da dieser Halbe Satz in der Einleitung: „mit dem Himmelreich ist es wie …“

In unserer Kirchen- und Glaubensgeschichte taucht das oft auf: den Himmel verdienen, was muss ich tun/leisten, um ins Reich Gottes zu kommen… Wieviel muss ich Beten, dass es genug ist?
Im Mittelalter hatte das Hochkonjunktur und der Ablasshandel war die Spitze dieser falsch verstandenen Frömmigkeit – als könnte ich vor Gott, wenn ich nur genug gemacht habe, das Heil einklagen.
Reicht das was ich tue oder nicht? Und die Frage, die auf dem Firmweg manchmal kam „Zählt der Gottesdienst? Kann man den abhaken lassen?“ verrät wie oft wir in dieses Denken verfallen. Die Firmvorbereitung ist keine Garantie für das Heil Gottes; tut mir leid, dass ihr das so erfahren müsst. Und das gilt auch später; da muss man schon ganz persönlich dranbleiben.

Es geht hier also nicht um die Entlohnung von geleisteter Arbeit; es geht nicht um einen Tarif, wer viel oder wenig gebracht hat und dann viel oder wenig mitnimmt. Es geht um das Große Ganze, davon spricht Jesus, und das macht Gott nach seinen Maßstäben. Und die sind größer – sicher auch großzügiger – als unsere Vorstellungen. „Meine Wege sind nicht eure Wege und meine Gedanken sind nicht eure Gedanken“, lässt Gott den Propheten in der Lesung zu uns sagen.
Eigentlich könnten wir mit der Predigt also relativ schnell fertig sein.
Gottes Entlohnung ist anders als wir Menschen das denken.  Amen.

Wir müssten jetzt weiterschauen, was dieses Handeln Gottes, seine Art, für unser Leben als Christen, für unsere Gemeinden und unsere Familien bedeutet, denn dieses Reich Gottes will ja schon hier anfangen und wartet nicht erst auf den Himmel irgendwann. Behalten wir den Gedanken mal im Hinterkopf – aber das wäre wohl nochmal eine eigene Predigt.

Ich möchte den anderen Aspekt noch anschauen den Jesus da erzählt:
Gott ruf immer wieder, unablässig. Zu jeder Stunde geht er hinaus und entdeckt Menschen, die sein Rufen noch nicht erreicht hat, oder die das nicht hören wollen oder nicht hören können. Ein recht penetranter Rufer ist Gott. Vielleicht war er schon manchem auf dem Markt lästig: „Jetzt kommt der schon wieder, der immer ruft!“
Gott ist der Immer-wieder-rufer der damit nicht aufhört, in der Hoffnung selbst den Letzten noch irgendwie zu erreichen oder zumindest jedem die Chance zu geben ihn zu hören.

Die Sehnsucht Gottes nach dem Menschen ist da richtig zu spüren.
Und mir kommt der Satz von Jesus in den Sinn, als er seine Aufgabe erklärt: „ich will, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“.

Wann erreicht der Rufer diese Mensch, also wann erreicht er sie in ihrem Innern, damit sie aufstehen und kommen können, und was war bisher der Grund dass das nicht möglich war? Waren sie gar nicht da? Waren sie versteckt? Anders beschäftigt? Nicht erreichbar? Besetzt?

Die Fragen gelten heute auch mir: gar nicht da? versteckt? anders beschäftigt? nicht erreichbar? besetzt? …
Wann  Wo  Wie  erreicht mich Gottes Ruf und wie reagiere ich auf dieses Werben dessen, der händeringend sagt: komm doch bitte, bitte ich brauche DICH, deine Unterstützung, brauche genau deine Talente und Fähigkeiten. Ich brauche Dich wie Du bist als Mensch. Ich möchte für Dich und die Welt das Leben.

In diese Sehnsucht Gottes stellen wir heute eure Firmung, sagen euch Gottes Nähe auf den Kopf zu und bitten, dass sein Geist euer Inneres erreicht.

(Eislingen 20.September 2020, Hariolf Hummel)