Fürchtet euch nicht!

Predigt und Gemeindebrief zum 21.06.2020 - 12. Sonntag im Jahreskreis

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Predigt zum 12. Sonntag im Jahreskreis:

Fürchtet euch nicht!

Verfolgung

„Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze...“ Haben Sie solche Zeiten schon erlebt? ... Zeiten, in denen es riskant war, zur Kirche zu gehen, sich zum Glauben zu bekennen? Zeiten, die von ihnen verlangt haben, sich zu verbiegen und eine Staatsideologie nachzubeten, wenn Sie in Ruhe gelassen werden wollten? Solche Erfahrungen gehören auch zu den Fluchtursachen unserer Tage. Wer das schon erlebt habt, in totalitären Systemen, in den Ländern des früheren Ostblocks oder die ältesten in der Zeit des Nationalsozialismus, der kann die Texte heute verstehen.

Aber hier? Hier muss doch keiner mehr fürchten, verfolgt zu werden, wenn er sich als Christ outet? Zumindest hätte ich das vor ein paar Jahren noch so gesagt.

Was auf Menschen zukommt, die mutig und offen sprechen, die sich zu ihrem Glauben und ihren Christlichen Überzeugungen bekennen, die vielleicht gar nicht groß religiös sind aber in einer echten mitmenschlichen Grundhaltung handeln,   was auf diese Menschen zukommen kann, das sehen wir oft genug. Der Mord am Kasseler Regierungspräsident Lübcke vor einem Jahr ist ein prominentes Beispiel dafür. Aber auch genug Bürgermeister und Lokalpolitiker werden bedroht und öffentlich oder heimlich beschimpft.

Prophetenschicksal

Den Propheten ging es genauso. wer so mit Mut auftritt, muss damit rechnen, dass er Gegenwind bekommt, dass man ihn mundtot machen will und dafür sind alle Mittel recht. In einer großen Geste hat Jesus am vergangenen Sonntag die 12 ausgesandt. Die Texte heute legen nach: Das wird kein Spaziergang. Propheten brauchen einen starken Glauben! Wie sonst könnten sie den Zweifelnden Hoffnung und Halt sein? ...oder den Mächtigen ins Angesicht widerstehen? Jeremia gehört zu den Großen im Glauben. Weil er seinen Zeitgenossen nicht nach dem Mund redet, wird er bespitzelt und belauert. Auch Jesus wird abgelehnt. Er erleidet Prophetenschicksal. Den Christen der ersten Generation geht es nicht anders. In diese Situation spricht unsere Lesung und unser Evangelium.

Und das Durcheinander und die Lautstärke der Stimmen heute macht uns da nicht sicher und ruhig. So viele treten prophetisch auf die Straße, Verschwörer, Reichsbürger Rassisten und manche andere. Im Einzelnen ärgern die mich, in der Masse aber machen sie mir wirklich Angst.

Wie halten wir da unsere Überzeugung hoch? Wir sind vielleicht doch nicht so gesichert wie wir meinen. Aus Angst vor Verfolgung und Unterdrückung waren die ersten Christen in Gefahr ihren Standpunkt zu verlieren. Und das mit der Angst ist heute nicht anders. Dieser Angst setzt Jesus dreimal seinen Apell entgegen: Fürchtet euch nicht:

Wahrheit!

Darum fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern.

Vor der Wahrheit davonlaufen kann niemand! Sie kommt an den Tag. Irgendwann zeigt jedes Archiv, was wirklich gelaufen ist. Ob das manche Schreier auf der Straße dann auch sehen sei dahingestellt. Damit ist aber auch nicht nur die allgemeine Weisheit und Erkenntnis gemeint, so nach dem Motto: Die Zeit bringt es an den Tag! Damit ist auch gemeint, dass es für die leidende Wahrheit ein Ostern gibt, an dem die Welt in neuem Licht erstrahlt. Das hat etwas zu tun mit Rechtfertigung und Rehabilitierung. Da gab und gibt es auch in der Kirche genug Baustellen: Dass Papst Franziskus die Ausgrenzung und Ablehnung des Befreiungstheologen Leonardo Boff beendet hat, gehört zu diesen Ostererfahrungen. Oder konkret der Umgang unserer Kirche in Deutschland mit dem Missbrauch wird Zeigen ob wir uneingeschränkt auf der Seite der Wahrheit und des Lebens stehen.

Unerfüllte Sehnsucht – Gleichgültigkeit

Jesus führt die Unterscheidung an, zwischen Leib und Seele. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann. Die echte Bedrohung des Lebens, vor der man berechtigt in Angst geraten kann, soll die Sorge um deine Seele, um dein Innerstes sein.   Nimm dich in Acht, wo du in Gefahr bist abzustumpfen, wo dir Menschen und Schöpfung aus dem Blick geraten und gleichgültig werden, oder wo du dich mit Ausflüchten selbst beruhigen musst. Sprüche wie „Ach das eine Mal“ oder „da sind doch andere viel schlimmer als ich“ oder „ich kann doch eh nichts machen“,…  das sind solche Lebensgefahren für das Innerste und die Seele. Oder: Fürchtet Euch davor, dass ihr satt seid und in der Sattheit des Leibes nicht mehr über das Leben hinausseht! Fürchtet Euch als Kirche davor, dass ihr mit allen Sicherheiten versehen, kein mutiges Wort mehr sagen könnt. Fürchtet Euch davor, beleibt und nicht beseelt zu sein!

Wert des Lebens – Gegenwart Gottes

Fürchtet Euch nicht, denn Ihr seid wertvoll in den Augen Gottes

Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.

Es geht um den Wert deines Lebens und dein Bewusstsein dafür. Gott sieht und begleitet selbst den kleinsten Spatz Tag für Tag, selbst wenn er zu Boden geht.  Natürlich ist er mindestens genauso aufmerksam und gegenwärt in deinem Leben. Dem Bild mit Vögeln und Blumen aus der Bergpredigt fügt Matthäus nochmal eine Bild aus dem Alten Testament hinzu: Selbst die Haare auf deinem Kopf – eine geradezu absurde Detailarbeit – selbst deine Haare hat Gott gezählt. So genau sieht er dich, so pedantisch gegenwärtig ist Gott in deinem Leben! So nah. 24 Stunden 7 Tage.

Gott ist da auch wo wir uns fürchten und Angst haben. Und mit seiner Gegenwart will er Gegenworte in uns legen: Mut, Zuversicht, Vertrauen. Oder mit dem Liedruf der Therese von Avila gesprochen: Nichts soll dich ängstigen, nichts soll dich quälen, halte dich an Gott, dann hast du alles. Gott allein genügt. SOLO DIOS BASTA

Hariolf Hummel, Pastoralreferent

 

Gemeindebrief 14 zum 21.06.2020 - 14. Sonntag im Jahreskreis