Für die Einfachen

Predigt und Gemeindebrief zum 05.07.2020 - 14. Sonntag im Jahreskreis

Foto: pixabay

„wer kennt schon

die not eines überaus dicken mädchens?

 

man sagt:

nun ja – doch sie hatte ein gutes herz

 

stets braucht die gesellschaft

dicke mädchen mit guten herzen

in heimen spitälern kantinen

in fabriken geschäften büros

 

doch manchmal

möchten auch ihre herzen

verrückt und geliebt

statt immer nur gut sein (…)“

 

(Kurt Marti, Leichenreden, dtv 2004.)

 

Liebe Schwestern und Brüder,

der 2017 verstorbene Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti hat dieses Gedicht geschrieben, das in seinem Gedichtband “Leichenreden“ veröffentlicht ist. Mich beeindruckt, mit wie er mit seinen Gedichten auf Menschen schaut. Dabei ist es einerseits ein durch und durch ehrlicher Blick, der nichts beschönigt, der nichts schönredet. Er nimmt die Realität und die Menschen so war, wie sie sind. Aber zugleich schaut er mit Liebe und Einfühlungsvermögen auf die Menschen, die er vor Augen hat.

So auch auf diese Frau, das „überaus dicke Mädchen“. Am Ende des Gedichts wird deutlich, wie sich diese Frau, die vielleicht gar nicht mehr so jung ist, wie sie der Begriff „Mädchen“ scheinen lässt, sich nach Liebe sehnt, nach Zuneigung, dass jemand sie mag.

Doch davor wird auch das benannt, was viele andere an ihr als Qualität wahrnehmen. Es ist sicher nicht ihre äußere Erscheinung, es ist ihr gutes Herz. Es ist, dass sie so viel selbstlos für andere getan hat. Dieses „überaus dicke Mädchen“ steht bei Kurt Marti für viele, die eher am Rand stehen, die von vielen nicht beachtet werden, oder belächelt werden, die aber doch Wesentliches für die Gemeinschaft, für andere leisten. Kurt Marti verklärt das nicht, er bringt ihre ungestillte Sehnsucht zum Ausdruck.

Aber doch wird auch dadurch nicht das Gute und Wertvolle weggewischt, dass durch diese Frau geschieht oder geschehen ist. Früher sagte man oft: „Mit den Dummen treibt man die Welt um...“

Das kann man in verschiedene Richtungen verstehen und deuten. Abfällig, das heißt, die Dummen lassen ja alles mit sich machen. Aber man kann es auch wertschätzend verstehen: Es sind oft nicht die großen und die gescheiten, die scheinbar so wichtigen und die, die sich dafür halten. Sondern meist sind es die einfachen, die kleinen Leute, die mit ihrer Arbeit, mit ihrem Einsatz und oft auch mit ihrer Liebe die wesentlichen und wirklich wichtigen Dinge tun.

Vielleicht fallen ihnen da vor ihrem inneren Auge auch einzelne Menschen ein, die zu diesen “überaus dicken Mädchen“ gehören, gleichgültig ob das nun Frauen oder Männer sind, junge oder alte Menschen.

Nicht schon allein deshalb, weil jemand - wie wir so sagen - “Einfach gestrickt ist“, macht sie zugleich auch schon gut. Aber es gibt sie, diese einfachen Menschen, die auf ihre Weise eine eigene Weisheit und eine ganz besondere Form der Güte in sich tragen.

Ich glaube, dass Jesus genau diese Menschen vor Augen hatte, als er ausrief, so wie es heute im Evangelium heißt: „Vater, ich preise dich, weil du all das den Klugen und Weisen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater so hat es dir gefallen.“

Jesus hatte da den Blick, wie ihn auch Kurt Marti in seinem Gedicht hatte. Ehrlich, aber zugleich voll Liebe und Wertschätzung auf die Menschen zu schauen, die um ihn waren. Und das waren mehrheitlich nicht die Reichen und Klugen, die berühmten und wichtigen Leute, sondern vor allem die einfachen.

Aber Jesus spürte, oft sind es die einfachen, die ihr Herz am rechten Fleck haben. Die verstehen, was er meint und wovon er spricht. Die Gespräche, die Jesus mit den meisten klugen Leuten, wie zum Beispiel mit den Schriftgelehrten führt, sie sind oft voller Kritik und Auseinandersetzung. Aber viele einfache Menschen haben ihm ihr Herz geöffnet und damit viel besser verstanden, was er meint, als die, die ihm jedes Wort im Mund herumdrehen.

Diesen einfachen Menschen, zu denen sicher auch das “überaus dicke Mädchen“ gehört, von dem Kurt Marti spricht, gibt Jesus eine große Zusage: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Das ist nur echt und das kommt nur an, wenn der, der das sagt, selber nicht auf dem hohen Ross und von oben herab daherkommt. 

Bei Jesus ist das offenkundig: Ohne Zweifel waren seine Jünger bei seinem Einzug in Jerusalem sofort an die Worte aus dem Propheten Sacharja erinnert, in denen es heißt: „Siehe, dein König kommt zu dir. demütig reitet er auf einem Esel.“ Wir bräuchten mehr von seiner Sorte. In diese Richtung schreibt auch ein anderer Dichter, der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch:

„Was wir nicht so sehr brauchen, und zwar nicht nur bei uns, sondern auf der ganzen Welt, das sind Arrogante, Hochmütige und Eingebildete, die immer noch meinen, nur sie allein würden dringend gebraucht.

Was wir brauchen, sind Demütige,

die aus Liebe und Respekt vor jeder Kreatur wissen,

dass sie nur mit allen anderen - nur mit allen anderen zusammen etwas wert sind.

Nicht der Alleskönnende, nicht der Alleswissende und der Allesbeherrschende,

sondern der sich Bescheidende, der mit dem Herzen die Wissenschaften vermenschlicht

und mit Heiterkeit die Herrschaften verunsichert.

Der mit den Schwachen eine Schwäche für den Frieden hat.

Dem man sogar oft die Stärke gar nicht ansieht, weil es eine Schwäche ist.

Zum Beispiel:

eine Schwäche für Versöhnung;

was ja eine Vorliebe für Versöhnung heißt.

Ich habe eine Schwäche für den Frieden.

Ich habe eine Schwäche für Versöhnung.

Was ja eine Vorliebe für den Frieden, für Versöhnung bedeutet.

Dem, der den unteren, eigenen Weg geht,

alles im Auge und im Herzen behandelt,

der ist es, der uns auf den Weg schickt,

einmal anders mit den Menschen umzugehen.

Nicht der Fahnenschwinger und der Trompetenschmetterer,

sondern Gottes gütlichster Gefolgsmann aus der hohen Schule der Geduld, der Sanftmut und der Heiterkeit.

Nichts ist ihm zu fremd,

dass es nicht auch ein Stück von ihm sein könnte.

Niemand steht ihm zu fern, als dass er nicht drauf zugänge,

um „Friede sei mit dir“ zu sagen.

Begeben wir uns auf den Weg.

Fangen wir, wie es so schön heißt, vor unserer Haustüre an.“

(Hanns Dieter Hüsch, in: Das Schwere leicht gesagt, Herder 1994, S. 76f.)

 

Pfarrer Bernhard J. Schmid

 

Gemeindebrief 16 zum 05.07.2020 zum Ausdrucken...