Es reicht nicht...! oder doch?

Predigt zum 02. August 2020 - 18. Sonntag im Jahreskreis

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Liebe Schwestern und Brüder!

„Es reicht nicht…“

Kennen Sie das Gefühl? Da sind mehr Leute zu der Einladung gekommen, als ich gedacht habe und ich merke, wie mir der Gedanke beim schnellen Überschlagen, was ich da habe, heiß durch den Kopf schießt: „Es reicht nicht…“ Was für ein schlechter Gastgeber bin ich, der nicht genügend zum Essen oder genügend Getränke da hat. Wie peinlich!

„Es reicht nicht…“

Ich merke man könnte, man sollte noch viel mehr tun: Mehr Leute besuchen, noch mehr Zeit investieren… Und ich merke, meine Zeit ist begrenzt oder meine Kräfte sind begrenzt – ich habe nicht mehr die Kraft, die Ausdauer dazu oder schlicht: Das geht nicht mehr in der Zeit…

„Es reicht nicht…“

Ich merke, wie in dieser oder jener Situation die Erwartungen an mich viel höher sind als ich gedacht habe, Erwartungen an Beziehung, an Nähe, an Interesse… Und ich komme an meine Grenzen, oder die Gelegenheit dafür ist einfach vorbei…

„Es reicht nicht…“

Da sind die Erwartungen meines Chefs oder meine Kollegen höher, als ich bringen kann, weil eben noch so vieles andere ist in meinem Leben, in Familie, in Engagement…

Das ist die beklemmende Grunderfahrung, die uns heute im Evangelium im Erleben der Jünger entgegenkommt: Da ist es auf die Spitze getrieben – 5.000 Männer, dazu noch Frauen und Kinder – unüberschaubar ist die Masse an Leuten, 10.000 oder mehr, die da jetzt in der Pampa sitzen weitab von Städten oder Dörfern. Und allen knurrt inzwischen der Magen…

„Es reicht nicht… das reicht nie und nimmer, da brauchen wir gar nicht nachzuschauen, was wir haben.“

Und dann sagt der Jesus zu seinen Jüngern einfach so: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Ja, ist der noch ganz bei Trost?! Das ist doch offenkundig, dass das nicht funktioniert!  10 bis 20 Leute, die aus ihren Vorräten 10.000 Leute satt machen sollen. Jetzt muss man dem Jesus doch mal deutlich vor Augen stellen, dass das ein völliges Missverhältnis ist: Der Bedarf, was nötig wäre, und das, was vorhanden ist. Aber immerhin: Sie „packen aus“: 5 Brote und 2 Fische, das ist ein Witz, quasi nichts im Vergleich zum Bedarf!

Komisch, Jesus sieht das anders: Er sagt nicht: „OK, 5 Brote, 2 Fische – hab‘s gesehen, könnt ihr wieder einpacken, das bringt nichts! Jetzt müssen wir uns was ganz anderes überlegen…“

Er sagt: „Gut, dass ihr das dahabt! Bringt es her!“ Er nimmt die Brote und Fische, betet und beginnt sie zu brechen und zu verteilen. Zunächst an die Jünger und die geben das dann weiter und weiter und weiter… „Und alle aßen und wurden satt…“ Und am Schluss bleiben sogar noch 12 Körbe voll übrig. Wunderbare Brotvermehrung! - eine Erfahrung, die sich den Jüngern so eingebrannt hat, dass sie in allen Evangelien, zum Teil sogar mehrfach, auftaucht.

Eine wunderbare Vermehrung – ich glaube bei genauerem Hinsehen kennen das viele auch: Da ist der Sohn oder die Tochter, in der Schule war das „so-la-la“, immer ein bisschen schwierig, zuviel andere Dinge im Kopf… In Wahl bei Ausbildungs- und Studienplatz ein paar Mal hin und her gewechselt. Schwierige Ausgangsbedingen – ob das reicht? Und dann irgendwann plötzlich durchgestartet: Er oder sie hat seinen/ihren Weg gemacht, scheinbar auf einmal…

Zwei kath. Kirchengemeinden in einer kleinen Stadt. Eigentlich ganz nahe beieinander, wäre da nicht eine jahrzehntelange Geschichte von Rivalität, dazu noch ein paar Verwicklungen der vergangenen Jahre. „Das geht nicht zusammen – Nord und Süd, das hat noch nie miteinander funktioniert!“ Und siehe da: nach einigen Jahren Kooperation, und manchen Überlegungen für die Zukunft: Die beiden Gemeinden schließen sich zusammen und nicht mal die beiden Kassen, die jetzt in einen gemeinsamen Topf geworfen werden, sind ein Problem.

Berlin 1989: Ein größer werdende Zahl von Leuten begehrt gegen ein System auf. Aber jeder weiß, das ging immer schief, weil sich die Großmacht im Hintergrund das nicht gefallen lässt. So war es in Prag, so war es am 17. Juni 1953, so war es wenige Monate zuvor in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens. So etwas endet immer mit Panzern, die schon bereit stehen, und in einem Blutbad, oder es wird ein Bürgerkrieg daraus… Doch, scheinbar wie aus Versehen geht die Mauer auf, kein Panzer rollt, kein Schuss fällt und die Mauer fällt…

Es gibt sie, diese Geschichten, wo man im Nachhinein sagt: Das war so nicht vorherzusehen. Wenn man den Ausgangspunkt betrachtet, konnten die Mittel, die Kräfte für das, was dann herausgekommen ist, nicht reichen.

Ich glaube, diese Erfahrungen gibt es in jedem Leben, man muss allerdings mit diesem Blick hinschauen: Was war realistisch betrachtet der Ausgangspunkt, was war aus diesen Startbedingungen zu erwarten? Und was ist daraus geworden – etwas, das so nicht zu erwarten war, weil es deutlich über das hinausgeht, was die Summe der Kräfte und Möglichkeiten war, die am Anfang dafür bereitstanden.

Es gibt sie, diese eigenartigen Rechnungen im Leben, die – das kann man jedoch nur im Rückblick sehen – so oder ähnlich lauten: Wenn man 1+1 zusammenzählt, da kommt 2 raus, aber in dieser Situation ist 5 das Ergebnis gewesen!

Wie kommt das? Das ist die eigenartige Rechnung der Brotvermehrung: 5 Brote + 2 Fische = 10.000 Leute satt. Jeder, der ein bisschen rechnen kann, sagt sofort: Da geht nicht, da fehlt was in der Rechnung: Das ist der „Faktor x“, den man dazurechnen muss. 5 Brote + 2 Fische + x = 10.000 Leute satt. Was ist das x? fragt sich jeder sofort.

Die Lösung die das Evangelium bietet ist ganz einfach: Der Faktor x ist Jesus, ist Gott. Denn: Die Jünger oder die Leute können das nicht sein, da war ja von vornherein die die Zahl und Beitrag klar.

So hat für mich diese Geschichte den Charakter einer Einladung:  Suche den „Faktor x“ in der Welt und in deinem Leben! Und ich glaube, wer so hinschaut, der wird ihn entdecken. Er bleibt ein x, er wird nie einfach eine zu berechnende Zahl sein, die man in eine Rechnung einfach einfügen kann, wie jede andere Zahl, weil dieser „Faktor x“ eben nicht einfach auf der Ebene der berechenbaren Dinge ist.

Aber er ist da, davon bin ich überzeugt. Wenn wir so hinschauen, und dann auch in unserem Leben solche Erfahrungen machen, dann erahnen wir plötzlich etwas vom Geheimnis Gottes. Der mitten in unserer Welt und in unsere Leben ist und wirkt. Der handelt, der ein wichtiger Faktor ist, aber wenn ich versuche ihn auf die Ebene meiner Zahlen zu ziehen und ihn da versuche einzuordnen, dann wird er sich mir entziehen. Es ist ein scheinbares Paradox: Mit dem Unberechenbaren rechnen!

Die einzige sinnvolle Antwort auf so eine Erfahrung ist, das was Jesus bereits am Beginn der wunderbaren Brotvermehrung tut: „Er sprach den Lobpreis.“ Tun wir das, wenn wir diesen „Faktor x“ in unserem Leben entdecken: Gott, wie wunderbar bist Du!   

 

Pfarrer Bernhard J. Schmid