ER kommt! - aber ganz anders!

Predigt zum 19. Sonntag im Jahreskreis A, 09.08.2020

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Liebe Schwestern und Brüder!

Fast 90 Jahre: Rückblick auf ein langes Leben.  Mit allen Höhen und Tiefen: Krieg und Vertreibung, Verlust des Vaters durch den Krieg, schwierige Neuanfänge…, Krankheit und Einschränkungen im Alter… Doch bis zum heutigen Tag strahlt Freude und Lebenwille aus den Augen, die mich wach anschauen. Da ist soviel Zuversicht und Lebensfreude!

Eine andere Begegnung: Pflegebedürftigkeit, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche: Mit Hilfe vom außen geht das mit großen Aufwand daheim – zumindest im Moment noch - seit vielen Monaten, eigentlich seit Jahren. Die Ehefrau, die den allergrößten Teil schultert, sie hat die Kraft nicht verloren, und vor allem sie hat die Liebe nicht verloren – sie ist immer noch da, trotz aller Mühen.

Eine anderes Gespräch: Vor Monaten eine schlimme Diagnose. Seither unzählige Behandlungen, starke Nebenwirkungen, ein auf und ab der Kräfte. Doch die Hoffnung und das Interesse am Leben ist geblieben. Und die Zuversicht, trotz aller Fragen und Ungewissheit den Weg Schritt für Schritt weiterzugehen.

Drei Menschen, drei Geschichten, drei Wege – ganz unterschiedlich, doch eines entdecke ich in allen drei: Trotz aller Schwierigkeiten, trotz aller Fragen und Unsicherheiten, sicher auch manchem Zweifel: Das Vertrauen auf das Leben ist da. Und daraus erwächst eine Kraft, die stärker ist als alle widrigen Schwierigkeiten. Bei allen drei höre ich heraus, dass dieses Vertrauen auch aus einem tiefen Glauben an Gott kommt. Er ist da! Er trägt! Er wird führen! Ausgesprochen oder unausgesprochen ist das der Grund dieser Hoffnung und die Quelle der Kraft bei allen drei.

Ich denke mir: Das ist die Kunst des Lebens, die Kunst des Glaubens! Diesen Gott, der da ist, der entgegenkommt, der mitgeht und trägt, der führt und hält, in allen Situationen des Lebens zu entdecken – auch wenn er oft auch verborgen ist.

Es ist interessant, welche zwei biblischen Geschichten uns heute in den Lesungen dieses Sonntags entgegenkommen: Da ist zunächst Elia, der Prophet, der Gottesmann. Er hat wahrlich eine bewegte Geschichte. Von Gott berufen auch den Mächtigen zu widerstehen. Die Botschaft, die er bringt, gefällt nicht allen. Mehr als einmal bringt sie ihn selbst in Lebensgefahr, mehr als einmal ist er an einem Punkt, an dem er glaubt: Es ist nun zu Ende, es ist aus…, alles verloren: „Ich kann nicht mehr.“

Die andere Geschichte im Evangelium: Es sind die Jünger im Boot auf den großen See Genesaret, der manchmal so unberechenbar sein kann: Eben noch ruhig und dann plötzlich im gewaltigen Sturm. Dazu ist es noch Nacht, der Überblick und die Kontrolle über die Situation ist völlig verloren gegangen. Das Boot hin und hergeworfen von den Wellen. Es ist nur noch die Angst ums Überleben.

Zwei Geschichten, die erzählen wie Gott kommt: Ganz anders als erwartet und in jeder auf ganz andere Weise: Elia, genannt der „Feurige“, der machtvoll das Feuer vom Himmel herunter predigt und große prophetische Zeichen setzt: Bei ihm wäre doch zu erwarten, dass Gott sich in machtvollen Zeichen offenbart: Im Feuer und im Sturm, mit Blitz und Donner, im Erdbeben. All das bricht über Elia herein, der sich zunächst in eine Höhle im Berg zurückgezogen hat. Doch Gott ist nicht in diesen gewaltigen Erscheinungen. Erst als ein leises, sanftes Säuseln kommt, ist Gott darin. Elia spürt die Anwesenheit Gottes, der zu ihm kommt, so dass er sein Gesicht in den Mantel hüllt.

Anders bei den Jüngern auf dem See: Da wo sich jeder einfach nur Ruhe und Stille wünschen würde, da ist nicht nur Sturm, und völlige Unsicherheit, nun kommt auch noch ein Gespenst übers Wasser! „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“, so redet Jesus seinen Jüngern zu. Mitten im Sturm ist er gekommen und geht auf die Jünger im Boot zu.

Diese Geschichten sagen mir: Es gibt keine Situation, keinen Vorgang, in dem Gott nicht sein kann. Vom leisen Säuseln bis zum Sturm. Gottes Möglichkeiten sind so vielfältig und damit oft auch so unerwartet. Doch plötzlich erscheint er, auch wenn er zugleich verborgen bleibt in den vielfältigen Vorgängen der Welt und unsers Lebens. Der unerwartete, der fremde Gott und zugleich doch mittendrin und nahe.

Petrus spürt das. Die Nähe und die Worte Jesu geben ihm Vertrauen zurück. Und er wird ganz wagemutig. Vielleicht zu wagemutig, denn als er aus dem Boot ausgestiegen ist, nimmt er den Sturm und die Wellen wieder wahr. Das kann gar nicht gehen! Das kann gar nicht sein! Und schon versinkt er im Wasser.

Diese Begebenheit zeigt uns, dass es nicht das Wasser ist, das Petrus trägt, es ist auch nicht sein Glaube, nicht sein Mut, der ihn da auf dem Wasser gehen lässt. Die Geschichte lässt keinen Zweifel daran, es ist allein Jesus, der ihn trägt. Es ist Jesus, der ihn aus dem stürmischen Wasser herauszieht. Es braucht sozusagen den festen Blick auf Jesus und das Vertrauen auf dessen Kraft, die ihn gehen lässt, wo kein Weg ist.

Ich denke wieder an die Begegnungen und Gespräche: Menschen, die mit Jesus im Blick, aus dem sicheren Boot ihres Lebens ausgestiegen sind, ja, die manchmal auch gezwungen worden sind auszusteigen, oder die es aus dem Boot geworfen hat – aus Sicherheit und Wohlbehütetsein.

Aber es sind zugleich Menschen, die tastend ihre Schritte suchen, da wo kein Weg ist. Menschen, die manchmal auch schreien: „Herr, rette mich!“ Aber die versuchen, Jesus im Blick zu behalten oder ihn zu entdecken, weil sie wissen: Er kann überall sein – im Säuseln und im Sturm. Menschen, die mit seinem Kommen, seiner Nähe und seiner Hilfe rechnen.

Ja, Herr, gib mir die Kraft und die Zuversicht, in allen Situationen auf dein Wort zu bauen und meine Schritte zu wagen: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“

Amen.

Pfarrer Bernhard J. Schmid