Ein Fund, die Freude, die vollständige Hingabe!

Predigt und Gemeindebrief zum 26.07.2020 - 17. Sonntag im Jahreskreis

Foto: Friedbert Simon, Pfarrbriefservice

Liebe Schwestern und Brüder,

Heute – am Samstag – ist der Feiertag des Heiligen Jakobus. Unsere Kirche in Krummwälden, die wir aufgrund ihrer Größe seit Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr nutzen können, feiert heute Patrozinium. Wenn ich an Jakobus denke, dann fällt mir als erstes sein Grab in Santiago de Compostela ein; und der Weg dorthin, auf dem seit Jahrhunderten Pilger durch ganz Europa unterwegs sind.

Ich persönlich bin den Jakobsweg vor einigen Jahren ein Stück gegangen. Wir waren damals im Noviziat bei den Schönstatt-Patres. Als kleine Gruppe von 6 Personen liefen wir 4 Wochen durch Frankreich. Wir starteten in Taizé und liefen Richtung Lourdes. Beides sind besondere Orte. Lourdes ist ein Ort der Marienfrömmigkeit mit einer unglaublich stark ausgeprägten Seelsorge für kranke und leidende Menschen. Taizé ist ein Ort der Jugend und der Ökumene.

Wir starteten also in Taizé. Wir waren jeden Tag 5 bis 7 Stunden zu Fuß unterwegs und schliefen jeden Abend in einer anderen Unterkunft. Und wir haben dabei tolle Erfahrungen gemacht. Die Neugier, wohin uns der Weg führen wird und was hinter der nächsten Kuppe oder hinter der nächsten Kurve liegt. Das Gespräch am Abend mit den Menschen in der Herberge; mit den Besitzern oder anderen Pilgern. Aber auch die Zeit in der Stille mit Gott in der Natur oder gemeinsam in den Sonnenuntergang beim Abendessen zu blicken waren Momente, die sich in die Seele eingebrannt haben.

Der Jakobsweg ist eigentlich etwas sehr Unkompliziertes. Man läuft an der eigenen Haustür los, orientiert sich an den Schildern mit den Muscheln, die Richtung Santiago zeigen. Und trotzdem braucht es für den Jakobsweg eine gewisse Radikalität. In Bezug auf das Gepäck zum Beispiel. Wir hatten jeder nur 2 T-Shirts dabei. Wenn wir abends in der Herberge ankamen, haben wir uns geduscht, das frische T-Shirt angezogen und das benutzte vom Tag gewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Aber auch im Hinblick auf das Zurücklassen von der bequemen Unterkunft gestern und das sich Freuen oder auch die Sorge auf das was kommen wird.

Sehr radikal klingen auch die Gleichnisse, die wir heute vom Schatz und von der Perle gehört haben. Diese Gleichnisse bilden zusammen mit einem kurzen Dialog zwischen Jesus und seiner Schülergemeinschaft den Abschluss der Gleichnis-Rede im Matthäus-Evangelium. Zuvor stehen im Matthäus-Evangelium viele Gleichnisse zum Himmelreich vom Sämann, vom Senfkorn, vom Sauerteig, vom Unkraut unter dem Weizen, dass wir letzte Woche gehört haben. In all diesen Gleichnissen geht es um das rechte Verstehen des Himmelreichs.

In dem Gleichnis, das wir heute gehört haben, wird das Himmelreich mit einem Schatz im Acker vergleichen. Allerdings nicht nur mit dem Schatz selbst, sondern viel mehr wie der Finder auf seinen Fund reagiert. Gerade dies ist der entscheidende Punkt, auf den dieses Gleichnis hinaus will. Es geht also weniger um eine Beschreibung wie das Himmelreich ist, als vielmehr welche Konsequenz sich daraus ergibt, wenn man es findet.

Es ist eine Erzählung über das Tun eines glücklichen Finders. Dem zufälligen und unverhofften Fund folgt die volle Hingabe um des einen großen Schatzes willen. Wie der Schatz gefunden wurde – vielleicht beim Pflügen? – und was der Finder und Käufer des Ackers mit dem Schatz macht, ist für die Gleichniserzählung nicht wichtig.

Es geht um den radikalen Einsatz und um diese Energie der vollständigen Hingabe, die den radikalen Bruch mit allem, was der Finder bisher hatte, zur Folge hat. Der Finder verkauft alles, was er hat, sagt das Gleichnis, und kauft den Acker. Und er tut dies „vor Freude“. Die Freude motiviert sein Handeln.

Im Gleichnis von der Perle führt nun nicht ein Zufall, sondern die professionelle Suche des Kaufmanns zum Fund. Das Motiv der Freude, wird hier nicht eigens genannt, man kann es aber im Zusammenhang mit dem Gleichnis vom Schatz dazu denken. In beiden Texten geht es um einen Menschen, der – im Gleichnis vom Schatz explizit: überwältigt von Freude – um des einen Schatzes bzw. der einen Perle willen seinen ganzen Besitz hergibt.

Damit enden auch die Gleichnisse sehr abrupt. Sie erzählen nicht, was mit dem Schatz oder der Perle weiter geschehen ist. Wovon zum Beispiel der Finder und der Kaufmann nun leben, wenn sie außer dem Schatz und der Perle nichts mehr haben. Sie erzählen nicht wie es danach weiterging, und sie folgen schon gar nicht der Logik eines Kaufmann, nach derer er seine Perle ja weiterverkaufen müsste, wenn er seinen Gewinn realisieren wollte. Der Fund, die Freude, die vollständige Hingabe, das war’s.

Vielleicht ging es mir ähnlich auf dem Jakobsweg. Wir waren, genauso wie der Kaufmann, ständig auf der Suche. Nicht nach der wertvollen Perle, sondern nach dem nächsten Schild, dass uns anzeigt, wo der Weg weitergeht. Manchmal war der Weg nicht einfach zu finden, ab und an gab es auch mal Umwege. Manchmal haben wir auch wie der Mann mit dem Schatz im Acker – völlig überraschend – ein Gespräch, einen Menschen, eine Begegnung geschenkt bekommen. Eine wertvolle Perle. Ein Fund, die Freude, die vollständige Hingabe, darauf kam’s an.

Aber nicht nur in so besonderen Situationen lassen sich Schätze und Perlen, lässt sich ein Stück des Himmelreichs finden. Mein Praktikum, hier in dieser Gemeinde, geht mit Beginn der Sommerferien zu Ende. Momentan bereite ich mich auf meine Diakonenweihe vor, die Ende September stattfinden wird, bevor ich dann im Oktober als Diakon wieder hier nach Eislingen kommen werde. Uns wird also noch ein bisschen gemeinsame Zeit geschenkt.

In der Vorbereitung meiner Diakonenweihe bin ich über einen schönen Satz gestolpert. Während der Weiheliturgie spricht der Bischof ein Gebet und darin heißt es: Du hast den Leib Christi wunderbar gestaltet in der Vielfalt der Glieder.

Das ist eine wertvolle Perle, die ich gefunden habe. Ich meine nicht diesen Satz, sondern was er bedeutet. Schaue ich zurück auf mein Praktikum, dann fallen mir viele Begegnungen mit Gemeindemitgliedern ein, die ihren Glauben auf ihre eigne Art leben, die sich engagieren, die sich an der Kirche freuen und sich auch manchmal über sie ärgern. Die sich mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten einbringen. Ja, die Kirche – so sehr ich mir auch manchmal wünsche, dass manches anders laufen würde, ist wunderbar … in der Vielfalt, derer die an ihr mitbauen und mitgestalten. Für mich eine Perle. Ein Fund, die Freude, die vollständige Hingabe, das war’s.

Johannes Oelighoff, Pastoralpraktikant

 

Gemeindebrief 19 zum 26.07.2020 - 17. Sonntag im Jahreskreis