Der Wachstumsblick des Zimmermannssohns

Predigt und Gemeindebrief zum 19.7.2020 - 16. Sonntag im Jahreskreis

Foto: B. Schmid

Liebe Schwestern und Brüder!

„Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?“ So fragen die Menschen im Heimatort Nazaret einander, als Jesus dort auftaucht und predigt. Sie sind natürlich irritiert, dass der Sohn des Zimmermanns so ganz das Metier gewechselt hat: Jetzt als Wanderprediger umherzieht. Das scheint sogar nicht zu seiner Herkunft zu passen, zu seiner Familie zu dem Handwerk, das man da seit Generationen ausübt. Aber nicht nur, dass der Zimmermannssohn nun eine besondere Vollmacht beansprucht irritiert die Menschen. Es ist vielleicht auch ein anderes Detail: Es sind die Geschichten und Gleichnisse, die erzählt. Die vielen anschaulichen Bilder die er gebraucht.

Ja, der Zimmermannssohn, er spricht jetzt ganz selten vom Bauen und vom Errichten von Häusern. Das wäre doch eigentlich die passende Bilderwelt für ihn, den Bauhandwerker. Aber solche Bilder kommen in seinen Geschichten und Predigten eher selten vor: Da gibt es einmal die Geschichte vom Haus, das auf Sand oder Felsen gebaut ist oder vom Turm, bei dem seine Erbauer nicht recht überblicken konnte, ob seine Mittel für das Vorhaben reichen. Aber diese Geschichten vom Bauen und Errichten von etwas, die sind eher selten bei Jesus und oft mit kritischem Ausgang.

Erstaunlicherweise erzählt der Sohn des Zimmermanns in seinen Geschichten, Gleichnisse und Bildern ganz oft vom Säen, vom Wachsen, vom Reifen. Bilder aus der Landwirtschaft, aus dem Gartenbau, all das ist doch eigentlich nicht seine Herkunft, nicht sein Metier. Doch für den Sohn des Zimmermanns scheinen diese Geschichten viel eher für das zu passen, von dem er spricht. Sie sind dem angemessener.

So auch heute im Evangelium: da ist vom Säen die Rede und vom Unkraut, vom Wachstum und von der Ernte. Und es ist vom kleinen Senfkorn die Rede, das so klein und winzig ist, so unscheinbar, und das doch zu einem großen Baum heranwächst. Alles Bilder aus der Natur und der Landwirtschaft. Bilder vom Wachsen. Der Sohn des Zimmermanns scheint viel mehr auf die Kräfte und Eigenheiten des Wachstums zu vertrauen, als auf Strukturen, die errichtet werden.

Dabei liegt uns allen doch oft das Bild vom Bauen, vom Organisieren, vom Strukturieren nahe. Das gibt uns Sicherheit. Bauen und errichten Ist planbar, ja muss durch und durch geplant sein. Da muss es bereits  am Beginn einen kompletten Plan geben, der dann Stück für Stück genauso in allen Einzelheiten ausgeführt wird. Wenn jeder irgendwie irgendwann an einer laufenden Baustelle irgendwas macht, dann funktioniert das nicht. das wird zum Chaos. So haben wir das ganz gerne, wenn es organisiert und strukturiert ist, dann kann man sich drauf einstellen, dann weiß man, woran man ist. Das gibt Sicherheit.

In der Natur und in der Landwirtschaft ist das anders. Auch da gibt es bestimmte Regeln, bestimmte Dinge, auf die man achten muss. Aber das, was der Mensch tut, das ist immer im Wechselspiel mit der Natur zu sehen. Wenn es lange nicht regnet, dann muss ich Im Garten etwas anderes tun, als wenn es dauernd schüttet. Der Bauer oder der Gärtner muss dauernd schauen, was sich wie entwickelt. Da nützt es nichts, wenn er einfach für sich am Schreibtisch einen schönen Plan macht, der aber dann nicht zu den Gegebenheiten und den Entwicklungen der Natur passt.

Die letzten Wochen und Monate haben uns alle ganz schön durcheinander gebracht in unseren Plänen. All das, was doch immer so abläuft, das ist auf einmal ganz anders gewesen. Dieser Tage stöhnte eine Kollegin: „Man kann kaum planen. Wenn man etwas plant, dann kann es sein, es ist alles im nächsten Moment schon wieder anders.“

Ich glaube, die Erfahrungen dieser Wochen sind auch für uns als gläubige Menschen eine Einladung, wieder mehr in der Spur des Sohnes des Zimmermanns zu gehen. Der eben nicht bei „seinen Leisten“ blieb, das heißt beim Bauen und Strukturieren, sondern der immer dem Wachstum nachgespürt hat und in ihm ein Bild für das Reich Gottes gesehen hat.

Ich glaube, es ist gut von ihm immer wieder neu den Blick für das Wachstum und das Leben zu lernen. Wachstum und Leben vollzieht sich eben nicht immer von vornherein planbar. Da wächst manchmal an manchen Stellen, wo man doch so viel Arbeit so viel Erwartung hinein investiert hat, vielleicht nichts oder ganz wenig. Und manchmal da kann es passieren, dass plötzlich an Stellen, wo man das nie erwartet hätte, auf einmal etwas wächst.

Es braucht den Blick und die Aufmerksamkeit und Fürsorge des Gärtners, der der wachsam das Leben beobachtet und verfolgt und dann das eigene tut, damit das Wachstum gute Bedingungen hat, damit es gestärkt wird und Unterstützung hat.

So ist Jesus vorgegangen, so ist er den Menschen begegnet: Da hatte er nicht das „Schema F“ im Kopf, nicht einfach einen abstrakten Plan, den es mit jedem und mit allen umzusetzen gilt. Sondern er hat die Menschen in ihren Stärken, in ihrem Schwächen, in ihrer Not aber auch in ihrer Sehnsucht gesehen und wahrgenommen. Wie oft hat er zum Beispiel einem Kranken gesagt: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Darin wird deutlich, dass Jesus die Heilung, die er geschenkt hat, nicht einfach von außen nur drauf gesetzt hat. sondern dass er immer auf das geschaut hat, was in einem Menschen da ist, was in ihm wächst oder wachsen will. Er hat das Leben, dass ihm in anderen entgegen gekommen ist, aufgegriffen und verstärkt.

Wir brauchen sicher auch das Planen und Strukturieren. Aber immer im Blick darauf, welche Strukturen braucht das Leben. Und manchmal werden unsere Pläne durcheinander gebracht. Das gilt es dann erst recht genau hinzuschauen: Wo will jetzt Leben wachsen und welche Unterstützung braucht es? Die Frage kann ich mir ganz persönlich stellen: Was will bei mir gerade wachsen? Ich kann mit diesem Blick aber auch auf meine Umgebung schauen.

Der Zimmermannssohn mit dem Blick fürs Wachstum begleitet auch uns heute. Seine Wachstumsperspektive gibt auch uns den richtigen Blick.

Amen.

Pfarrer Bernhard J. Schmid

Gemeindebrief 18 zum 19.7.2020