Der gute Boden der eigenen Seele

Predigt und Gemeindebrief zum 12.07.2020 - 15. Sonntag im Jahreskreis

Foto: B. Schmid

Liebe Schwestern und Brüder!

Haben Sie das auch schon erlebt, dass Sie jemand anders etwas gesagt haben und das kam bei dem ganz anders an?  Ich glaube, diese Erfahrung kennt jeder.

Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Man hat sich missverständlich ausgedrückt. Oder der andere konnte das aufgrund seines Vorwissens gar nicht verstehen.  Vielleicht war das auch nur so schnell im Vorbei gesagt, oder nur so im Vorbei halb gehört. Oder das Interesse dafür war gar nicht da. Oder anderes schien grad wichtiger.

Aber es gibt auch Situationen, wo jemand etwas ganz in den „falschen Hals“ bekommt, wie wir so sagen. Auch das kann unendlich verschiedene Gründe haben: Weil jemand in einem anderen Zusammenhang eine bestimmte Erfahrung gemacht hat, und das jetzt überträgt. Oder weil er das, was vielleicht einfach als sachliche Information gemeint war, gefühlsmäßig kann anders bei ihm ankommt.

Die Fachleute für Kommunikation haben das gut beschrieben: Da taucht immer wieder das simple Beispiel auf: Wo ein Beifahrer im Auto zum Fahrer sagt: „Es ist grün.“ Das kann einfach eine sachliche Information zum gegenwärtigen Stand der Ampel sein. Aber wenn es dumm läuft, dann kann es passieren, dass der Fahrer explodiert, weil er aus diesem einfachen Satz die Botschaft heraushört: „Du passt schon wieder nicht auf und schläfst beim Autofahren! Und übrigens: Ich kann viel besser Auto fahren, mir wäre das nicht passiert! Eigentlich müssten wir beide die Plätze tauschen.“  Wer Loriots Klassiker kennt, der entdeckt darin, wie meisterhaft dieser die Tücken des Aneinander-vorbei-Redens bei Menschen beobachtet und in seinen Sketchen auf die Spitze getrieben hat.

Bei allen Tücken des Redens und Nichtredens miteinander und den unendlichen Möglichkeiten des Verstehens und Nichtverstehens hat die Frage: Wie kommt etwas beim anderen an? Kommt es überhaupt an? immer ganz viel mit dem zu tun, wer und wie wir als einzelne sind.

Jeder Mensch ist nicht nur durch seine Erfahrungen geprägt, die man im Leben so gemacht hat, sondern dazu kommen immer auch tiefe Schichten in der eigenen Seele zum Tragen, deren man sich nicht immer bewusst ist. Das was von außen, von einem anderen kommt, das ist eben wie ein Same, der aber nie einfach nur in ein neutrales Milieu kommt, sondern immer auf einen Boden trifft, der ganz eigene Prägungen und Eigenschaften mitbringt. Und daher ist es eben nicht nur der Same, der etwas für sich bewirkt, sondern immer kommt es auf das Zusammenspiel von Same und Boden an, wenn wirklich etwas wachsen soll.

Genau dieses Bild greift Jesus im heutigen Evangelium auf. Da ist der gute Same, den der Sämann aussäht. Aber er fällt auf sehr unterschiedlichen Untergrund. Mal auf den Felsen, mal auf den Weg, mal in die Dornen und mal auf guten Boden. Erst da geht der Same wirklich auf und bringt dann gute und zahlreiche Frucht. Auf den Felsen, auf dem festgetrampelten Weg oder auch zwischen den Dornen hat er keine Chance.

Jesus möchte mit dem Bild sagen: Schaut immer wieder auf den Boden, auf den Grund: Sowohl bei euch selbst, als auch bei anderen. Es ist ohne Zweifel, dass Jesus möchte, dass der gute Same, den er in die Herzen streut auf guten, lockeren, weichen Boden fällt. Darum zielt Jesus bei allen, die er anspricht, in das Herz, in die Tiefe. Aber ehrlicherweise zeigt sich auch bei ihm, dass seine Worte, seine Botschaft nicht bei allen auf guten Boden fallen. Darum versucht Jesus immer wieder auch „Lockerungsübungen“, bei denen, die um ihn sind, die sich von ihm ansprechen lassen. Zunächst geschieht das wohl vor allem durch ihn selbst, durch seine Person, seine Ausstrahlung. Die Barmherzigkeit, die Güte, die Offenheit, die er ausstrahlt, sie hat in ganz vielen (wenn auch nicht in allen) ganz viel gelockert und geöffnet.

 

Ein zentraler Punkt für Jesus, mit dem er auf den tiefsten Grund, die tiefsten Schichten des Menschen zielt, und das es immer wieder auf verschiedene Weise formuliert und zeigt, ist die Frage nach der Kindlichkeit. Viele, die sich mit heute mit der Seelenlandschaft von uns Menschen beschäftigen, kommen zu einem ähnlichen Ergebnis.

Gleichgültig, wie alt wir sind, wieviel Lebensjahre und Erfahrungen wir schon auf dem Buckel haben, wie reif jemand geworden ist im Lauf des Lebens, immer bleibt da in jedem Menschen auch ein Kind, manche sprechen vom „inneren Kind“. Und das kann sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen: Bei manchen, da kann man durchaus auch an die führenden Leute großer Nationen denken, da beschleicht einen immer wieder der Gedanke: Der ist doch wie ein großes Kind, das trotzig wird, wenn es nicht bekommt, was es will. Das ist die negative Seite.

Aber es gibt auch die andere Seite: Wo reife, gefestigte und lebenserfahrene Menschen sich etwas von einer Unbefangeheit, Heiterkeit und Zufriedenheit bewahrt haben, die auch ein Kind erinnert, aber ein glückliches Kind, das sich von einer größeren Macht geborgen und gehalten weiß.

Genau in diese Richtung denkt und handelt Jesus. Und darum kann er ein Kind in die Mitte stellen und sagen, werdet wie die Kinder, denn ihnen gehört das Himmelreich. Damit spielt er genau auf diese Erfahrung an: Dass jemand sich wie ein Kind von einem Größeren gehalten weiß, und dieser Größere ist für Jesus eindeutig der Vater im Himmel. Er selber lebt ja zutiefst aus dieser Erfahrung. Wer diesen tiefsten Seelengrund der Kindschaft in sich pflegt, der hat nach Jesus den besten, den lockersten und den fruchtbarsten Boden für seine Botschaft vom Reich Gottes.

Vielleicht ist das Evangelium heute eine Einladung wieder mal auf den tiefsten Seelenboden in mir selbst zu schauen. In Ehrlichkeit vielleicht auch das verletzte, das gebrannte Kind zu entdecken, aber auch – und da bin ich mir sicher, dass das in jedem da ist – das Kind, das sich getragen und angenommen weiß. Das gilt es zu pflegen und immer wieder neu zu bestärken. Das ist die beste „Bodenpflege“, nicht nur für das Wort Gottes, sondern im letzten für die Erfahrung des Vaters im Himmel, der sorgt.  Amen.

Pfarrer Bernhard J. Schmid

 

Gemeindebrief 17 zum 12.07.2020 - 15. Sonntag im Jahreskreis