Dem Kaiser gehört die Steuer - aber was gehört eigentlich Gott?

Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis - 18.10.2020

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Liebe Schwestern und Brüder!

 

„Das gehört mir!“ - „Nein, es gehört mir!“ So streiten wir uns manchmal um Sachen, wahrscheinlich haben wir das auch schon erlebt. Wenn es mir gehört, dann kann es nicht dir gehören oder andersherum. Bei Besitzverhältnissen gehen wir von einem „entweder-oder“ aus. Entweder gehört es dem oder es gehört einem anderen. Ganz einfach!

Unser ganzes Leben steckt voller solcher Zuordnungen: Was gehört wem? Welches Thema gehört zu welchem Bereich? Wer ist wofür zuständig? Wer hat was zu tun?

Solch eine Zuordnungsfrage begegnet uns auch heute im Evangelium: Da schicken die Pharisäer ihre Schüler vor und lassen sie eine Frage stellen: „Wie ist das mit der Steuer, die an Kaiser in Rom zu zahlen ist? – Darf man das tun?“ Dahinter steckt natürlich eine Falle: Wenn er sagt, es sei nicht erlaubt, Steuer zu zahlen, dann wendet er sich öffentlich gegen die bestehenden Gesetze und die Besatzungsmacht der Römer. Wenn er sagt, es sei erlaubt Steuern zu zahlen, dann verscherzt er es sich mit den Volksmassen, unter der Besatzungsmacht leiden. Gleich, wie er sich entscheiden wird, er kann immer nur etwas Falsches sagen und damit hätten die Pharisäer ihr Ziel erreicht.

Jesus durchschaut diese Absicht und er lässt sich nicht auf dieses perfide Spiel ein. Seine – sprichwörtlich gewordene – Antwort ist sehr klug. Zunächst lässt er sich von ihnen einen Denar – eine „Steuermünze“ zeigen. Damit zeigen die Pharisäer öffentlich, dass auch sie diese römische Münze zum Steuern Bezahlen in der Tasche haben und sie selbstverständlich auch für die Steuer verwenden. Das zweite ist der Verweis auf das Bild des Kaisers auf der Münze: Sein Bild ist drauf und seine Inschrift – darum gehört das Geld ihm. Dann gibt er aber eine Antwort, die über die eigentliche Frage hinausgeht: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ Er stellt die Frage damit in einen viel größeren Horizont: Gebt den irdischen Autoritäten, was ihnen zusteht, aber vergesst dabei nicht, was Gott zusteht!

Viel ist über diesen einprägsamen Satz Jesu nachgedacht worden. Was heißt das: Dem Kaiser geben, was ihm gehört und Gott, was Gott gehört? Lange Zeit wurde vor allem der erste Teil betont: Auch die Christen können und dürfen sich nicht aus weltlich-irdischen Zusammenhängen herausziehen. Die Gesetze und Gegebenheiten in der Welt gelten auch für sie. Das ist richtig.

Aber der zweite Teil der Antwort Jesu ist nicht nur ein Anhängsel: „Gebt Gott, was Gott gehört.“ Sondern, wenn Jesus diese Antwort gibt, die in der Frage gar nicht so enthalten war, dann liegt sein Akzent gerade auf diesem zweiten Teil.

Was bedeutet das für uns heute? „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ Was gehört denn jetzt wem? Was gehört in welchen Bereich? Vielfach wurde und wird das so verstanden: Also es gibt da diese zwei Bereiche: Das eine kann man als das Weltliche, mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, bezeichnen, und das andere ist der religiöse, spirituelle Bereich. Und jetzt versuchen wir einfach zuzuordnen, was wohin gehört: Da ist der Staat, die Politik, die Wirtschaft, das Sozialwesen, die gesellschaftlichen Fragen und auf der anderen Seite ist die Religiosität, das Spirituelle, das Gebet, der Gottesdienst… So haben wir alles schön aufgeteilt und zugeordnet.

Dazu kommt, dass wir in unserer Gesellschaft das eine dem öffentlichen Leben zuordnen, das andere, das Religiöse ganz radikal dem privaten. Religion ist Privatsache, das ist mehr und mehr ein ungeschriebenes Gesetz in unseren gesellschaftlichen Zusammenhängen. Im Privaten darf jeder glauben und tun, was er will, aber auf keinen Fall in der Öffentlichkeit. Und wenn es dahin gehört, - dann gehört es in den anderen Bereich nicht. Und genau das geschieht mehr und mehr auch in den großen gesellschaftlichen Zusammenhängen: „Kirche, halte dich doch heraus aus der Politik, aus der Wirtschaft, aus gesellschaftlichen und kulturellen Fragen, das ist nicht dein Bereich.“

Wer das aber mit dem Wort Jesu, „dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört“ begründen will, der missversteht dieses Wort gründlich. Diese beiden Bereiche – des Kaisers/der Welt und Gottes – stehen nicht einfach gleichwertig nebeneinander. Wenn wir das genauer anschauen, dann fällt auf das es für den Bereich des Kaisers eine klare Zuordnung gibt:

Das Geld, das sein Bild trägt, das gehört in seinen Bereich. Aber was gehört nun Gott? Das hat Jesus offen gelassen – anscheinend bewusst. Nichts Konkretes ist dem mehr zugeordnet. Jesus sagt nicht z.B. das Gebet und der Gottesdienst gehören Gott. Oder auch nicht in einer negativen Abgrenzung: Das was, nicht dem Kaiser gehört, das gehört dann Gott. Nein, er sagt: „Gebt Gott, was Gott gehört!“

Nochmal: Was gehört denn Gott? Jesus führt das hier nicht weiter aus. Bereits die alten Kirchenväter haben dazu einen schönen Gedanken entdeckt: Die Münze trägt das Bild des Kaisers, darum gehört sie ihm. Der Mensch hingegen – so lesen wir das schon auf den ersten Seiten der Bibel – ist das Bild Gottes, darum gehört der ganze Mensch mit Leib und Seele Gott! Das ist viel mehr als einfach zu sagen: Gott steht ein bisschen Gebet, der Besuch des Gottesdienstes und vielleicht noch Spenden und die Kirchensteuer zu.

Nein, der ganze Mensch gehört ihm. Aber die Bibel geht noch weiter in dieser Frage: Was gehört Gott? Sie sagt: Himmel und Erde gehören Gott. (Davon singt der Psalm, der für heute vorgesehen wird und davon spricht auch die alttestamentliche Lesung. Auch dieser mächtige Perserkönig Kyrus, der Israel aus Babylon befreit hat, ist nur ein Werkzeug in der Hand Gottes, auch wenn er es selbst gar nicht weiß.)

Das bedeutet, das Geld und die Steuer gehören zwar dem Kaiser und sind ihm zu geben, aber letztlich gehört alles Gott – alles! In diesem Satz Jesu steckt mehr Sprengkraft, als auf den ersten Blick scheint. Es ist als nicht so, dass man einfach zwei Bereiche, wie Schachteln nebeneinander aufmachen könnte und die einzelnen Dinge einfach nach dem entweder-oder-Prinzip einsortieren könnte. Nein - dem Kaiser gehört manches, Gott aber gehört schlichtweg alles. „Gebt Gott, was Gott gehört.“ Es gibt keinen Bereich unseres Lebens, aus dem wir Gott heraushalten könnten, der mit ihm nichts zu tun hätte.

Das hat Konsequenzen, für mein persönliches Leben: Ich nicht einfach sagen, „das bisschen Gebet und die Stunde am Sonntag gehört Gott, und der Rest ist eine ganz andere Sache“. Aber auch für das gesellschaftliche Leben: Gott kann man nicht einfach in eine private Ecke abdrängen. Die Beziehung zu Gott ist nicht etwas, was neben allen anderen Dingen des Lebens auch noch steht. Sondern sie soll alle Bereiche des Lebens und der Welt durchdringen. Die Aufteilung der Kinder mit Zugehörigkeit „entweder-oder“, so einfach und praktisch sie klingt, greift hier nicht.

Das ist ein hoher Anspruch, aber es ist zugleich auch eine Entlastung: Nichts in der Welt kann sich so wichtig nehmen, dass es alles andere überlagert. Von Gott her, der Herr über Himmel und Erde ist, bekommt alles seinen rechten Platz. Geben wir ihm, was ihm gehört!

Amen.

Pfarrer Bernhard Schmid