Das andere Weihnachten - weil Gott anders ist...

Predigt zum 4. Adventssonntag 20.12.2020

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Liebe Schwestern und Brüder!

Alles ist anders – anders als sonst. Das ist für uns alle in diesen Tagen die durchgehende Erfahrung. Nach dem „anderen Advent“ kommt nun das "andere Weihnachten". Anders als sonst. Viele Geschäfte seit Tagen geschlossen, Treffen mit anderen – wenn überhaupt – nur im kleinsten Kreis. Kein gemeinsames Singen von Advents- und Weihnachtsliedern und vieles andere mehr, das in diesem Jahr ganz anders ist.

Aber ist denn das alles, wie wir meinen, das alles gehört zu Weihnachten, wirklich so normal? Sicher Bräuche sind gewachsen und leben von der Wiederholung. Aber vieles war nicht immer so. Manches war früher anders. Da war die Adventszeit eher eine karge Bußzeit, und dass Weihnachten das Fest der Familie schlechthin ist, das ist auch erst seit gut 150 Jahren so. Noch vor gut 100 Jahren da waren Christbäume in katholischen Häusern verpönt und den Brauch des Adventskranzes haben wir auch erst von den evangelischen Schwestern und Brüdern gelernt. Also keineswegs wir immer schon alles so...

Aber auch Gott ist anders. Das was wir an Weihnachten feiern passt auch nicht in unsere schöne Weihnachtsverpackung, es wird immer jeden Rahmen sprengen. Weil Gott eben jeden Rahmen sprengt – immer. Wir feiern, dass er in die Welt kommt, aber anders als gedacht.

Die Lesungen heute spannen eine großen Bogen: Von König David bis hin zu Maria. David hat Jerusalem für das Volk Israel eingenommen und zur Hauptstadt gemacht. So ist er nun irgendwie peinlich berührt, dass er inzwischen eine stattlichen Palast aus Zedernholz auf dem Zionsberg hat,aber das Heiligtum Israels, in dem Gott selber unter seinem Volk ist, das „haust“ immer noch in einem Zelt wie damals als das Volk Israel durch die Wüste zog. König David hat nun die Macht und die Mittel auch Gott ein stattliches Haus, einen schönen Tempel zu bauen.

Aber Gott lehnt durch den Propheten dankend ab: „Was wäre das für ein Haus, das du mir bauen könntest?!“ Kein Haus – und sei es noch so groß und schön – kann Gott fassen. Da haben wir's wieder: Gott ist anders - größer.

Es kommt ganz anders: Gott sagt zu König David: „Ich baue dir ein Haus!“ Damit ist auch mehr als ein schöner Palast gemeint. Das Haus meint im damaligen Verständnis auch die Familie, die Dynastie. Dieser davidischen Dynastie verheißt hier Gott ewige Herrschaft.

Aber wer meint, damit sei alles klar, der täuscht sich. Da braucht man nur in der Bibel und in den Geschichtsbüchern weiterlesen. Da merkt man dann, dass diese Dynastie, die David gegründet hat, von Generation zu Generation immer mehr heruntergewirtschaftet ist. Es folgen Kriege, Zerstörungen, Exil, große Teile des Reichs brechen weg. Und irgendwann ist die Davids-Dynastie nicht mehr an der Macht.

Aber es bleibt im Volk die Hoffnung: Irgendwann wird wieder ein Nachkomme Davids auf dem Thron sitzen und dann wird es sein wie früher. So wie bei König David. Denn Gott hält seine Verheißung.

Aber Gott ist anders, Gott ist größer. Ja, er hält seine Verheißung. Aber auch: Nein, ist wird nicht alles wie früher, so wie viele denken: So – genau so muss es sein.

Ein Nachkomme Davids kommt, tatsächlich. Aber anders, es beginnt nicht in Betlehem in Judäa, der Heimat der Davididen. Es beginnt da, wo niemand denkt, in Nazaret einem Nest in Galiläa, das keine Tradition hat, das im Alten Testament nicht einmal erwähnt wird. Der neue König, der die Nachfolge Davids antritt, ist ein Nachkomme von ihm, aber genauer betrachtet, dann doch nicht im üblichen Sinn. Wer den Stammbaum Jesu genau liest, der zeigen soll, dass er von David abstammt, muss über einen Bruch stolpern: Er führt zu Josef, der mit Maria verlobt ist, aber Josef ist nicht der Vater von Jesus. Gott macht mit Maria und in Maria nochmal einen ganz neuen Anfang der davidischen Dynastie.

Und nochmal kommt es anders: Nicht in Palästen ist der Beginn des ganzen, sondern im Haus einer jungen Frau. Beim Auswahlverfahren und der Berufung Davids waren noch der Prophet Samuel und irgendwie die ganze Familie des David involviert, auch wenn die Entscheidung dann überraschenderweise auf den jüngsten fiel, den man noch vom Schafe hüten holen musste.

Jetzt ist da nur diese junge Frau beteiligt, die ein Engel besucht. Da entscheidet sich irgendwo in einem Zimmerchen in Nazaret der Lauf der Geschichte. Da macht sich Gott vom Mittun dieser Maria abhängig, die dann ihr Ja sagt. Ja, Jesus ist ein Sohn Davids, er nimmt den Thron ein, der ewig Bestand hat. Aber die, die meinen deswegen schon zu wissen, was das heißt, die sind wieder irritiert: Es kommt wieder ganz anders.

Der „Sohn Davids“ Jesus übernimmt nicht einfach das Reich in den Grenzen seines Vorgängers, sondern sein Reich, seine Königsherrschaft ist völlig anders, und sein Reich ist ohne Grenzen. Es kommt alles anders. Weil eben Gott anders, größer ist, als alle Erfahrung, alles Wissen, alle Bräuche und Althergebrachtes.

Für Maria wird das sehr konkret: Es kommt auch für sie persönlich alles anders: Nichts mit „trautes Heim, Glück allein“ in der bodenständigen Zimmermannsfamilie in der galiläischen Provinz. Nichts mit zusehen, wie der eigene Sohn groß wird und man dann selber „in Frieden scheiden darf“. Nein, sie muss ihn leiden und sterben sehen. Sie gehört zu den Müttern, die zu ihrem Kind ins Grab schauen.

Alles anders. Aber Maria geht mit, sie bleibt bei ihrem Ja. Auch wenn die Dinge anders kommen als gedacht und gehofft. Sie bleibt bei ihrem Vertrauen, wird so Mutter aller Glaubenden, weil sie Gott zugesteht, zutraut, dass er anders ist. Weil er eben größer ist und nicht in unsere Vorstellungen und Pläne passt. Im Magnificat bringt sie das zum Ausdruck: „Der Mächtige hat Großes an mir getan, sein Name ist heilig.“ „Heilig“, das ist ein anderes Wort für: größer und anders.

Wenn wir in diesen Tagen Weihnachten feiern, anders als sonst, dann ist das die Einladung, diesem Gott, der anders ist, Raum zu geben. Es ist die Chance, ihn größer sein zu lassen als unseren schön gebastelten und dekorierten „Weihnachtsschachteln“, an denen wir so sehr hängen.

Es wird anders – Aber wenn wir es zulassen, dann kann es größer, tiefer, weiter, grenzenloser werden, als wir uns je vorstellen können. Gott kommt in unsere Welt. Gott kommt in meine Welt, schon jetzt klopft er an die Tür meines Zimmerchens, er klopft an der Tür meines Lebens: Werde ich ihm aufmachen und ihn hereinlassen, auch wenn er anders daherkommt, als ich dachte? Werde ich zulassen, dass er mein Leben anders macht als ich dachte?

Amen.

Pfarrer Bernhard J. Schmid